Dann folgten wir dem Sommerweg weiter und erreichten einen zweiten Felsriegel. Wir verloren den Sommerweg und spurten durch noch steileres Gelände. Wir fanden den Ausweg und waren auf dem Hochplateau, von wo aus sich uns wieder der Blick auf die Presanella und Vermiglia eröffnete. Nun galt es, den Anschluss zur Route zu finden, die ein alter Maultierpfad aus dem Ersten Weltkrieg ist. Es war 16 Uhr, wir waren langsam unterwegs und stellten außerdem fest, dass die Batterie meiner Stirnlampe leer war. Trotzdem spurten wir weiter durch ein weiteres steiles Stück und erreichten schließlich die Route, den Maultierpfad, der angenehm breit, aber ebenso verschneit war. Es gab noch zwei Schlüsselstellen zu überwinden: exponierte Lawinenstriche. Wir betrachteten die Stabilität der Osthänge am späten Nachmittag jedoch als sehr günstig und befanden, dass eine Stirnlampe ausreichen würde. Die erste Schlüsselstelle verläuft über dem Felsriegel und besteht aus zwei ausgesetzten Passagen – absolute No-Fall-Zones. Die erste, etwa fünf Meter lang, spurte ich – easy
Als wir bei der zweiten ankamen, einer zehn Meter breiten Schneise, in der bereits eine kleine Lawine abgegangen war, meldete sich das Adrenalin in meinem Körper. Ich schlug vor, Harscheisen zu verwenden. Chris sah sich die Stelle an und schlug als Alpinist Fußmarsch und Pickel vor. Also spurte er tief und ich folgte ihm – schließlich war das auch einfach und sicher. Wir folgten weiter den Hasenspuren im Schnee dem Maultierpfad entlang. Es war nun dunkel geworden und der Sternenhimmel leuchtete prachtvoll über uns. Wie sollte ich die letzte Stunde beschreiben? Wir blieben ruhig. Ich hatte die Taschenlampe meines Handys mit einem Skistrap an meinem Skistock befestigt. Wir spurten uns hoch, bis plötzlich die Hütte auftauchte.
Das Biwak war offen, und große Erleichterung machte sich breit. Was für eine Mission! Tag 1, 9 Stunden Hüttenaufstieg. Wir waren auch zufrieden, weil wir keine Fehler in unseren Entscheidungsprozessen feststellen konnten, weder in der Einschätzung noch in der Reaktion. Es war, als würden wir zu lange Pasta in einem zu kleinen Topf mit einem zu schwachen Kocher kochen, aber auch das gelang schließlich. Noch bevor wir uns in die Betten legten, erfuhren wir mit Freude, dass die Lawinenwarnstufe auf Stufe 2 zurückgegangen war. Für den weiteren Verlauf der Tour mussten wir bis zur Forcella Cercen auf 3.000 m bei entsprechender Routenwahl kaum Lawinenrisiko eingehen. Die Freshfield-Scharte auf 3 370 m schien uns als optimales Ziel; der Gipfel der Presanella selbst war hingegen nur noch ein Traumziel.
20/03/2026 - Freshfield-Scharte
Wir schliefen gut in weichen Betten unter vielen Decken und frühstückten heiße Schokolade und Brot. Mühsam stiegen wir in die gefrorenen Skischuhe, dann in den Klettergurt und schließlich in die Ski. Wir folgten wieder einmal Schneehasenspuren. Wir spurten aber weiterhin tief, und wie kräftezehrend das ist, merkt man erst wieder, wenn man es tut. Die Stabilität erschien uns trotz Windeinfluss und gemäß des LLB als günstig. Wir erreichten den Hang oberhalb des Gletschers „Vedretta Presanella“ mit der Presanella, ihrem Hängegletscher und der Vermiglia vor uns – ein traumhafter Anblick. Wir querten an diesem südlich exponierten Hang, und sogleich wurde der Hitzestress wegen der reflektierten Strahlung extrem. Unglaublich, wie sich in diesen Höhen über Schnee und bei klaren Verhältnissen Hitze und Kälte so schnell abwechseln können.
Der Gletscher strömt durch zwei Kanäle hinab, wobei der breitere die optimale Skitour wäre. Angesichts unserer exponierten Lage – wir waren allein in diesem Tal und nur Totti, Marc und Giorgano wussten, wo wir waren – konnten wir kein Risiko eingehen. Also gingen wir den weiten Weg, den Sommerweg, durch flaches Gelände ohne jegliches Lawinenrisiko. Schließlich scheute ich auch eine Traverse zum Hauptgletscher und wir gingen über den Gletscher des Monte Cercen am Seil. Plötzlich erschreckte uns ein unheimliches Zischen. Chris meinte, es wäre ein Düsenflieger gewesen, aber ich glaube, es kam aus dem Gletscher. Wir sind uns darüber bis heute uneinig. Da wir die Traverse vermieden hatten, mussten wir 50 hm mehr zurücklegen, als wir den Gletscher Cercen verließen. Wir nahmen das Seil ab, fellten ab, nahmen Süßes zu uns und fuhren zum Gletscher der Presanella hinab. Auf diesem riesigen Hang gibt es eine in OpenStreetMap markierte Skitour, deren Linie sich mit meiner Interpretation des Geländes als die sicherste ergab.
Sicherlich gab es Windeinfluss, aber ich konnte mir in diesem Hang keine Lawine vorstellen, allenfalls von apokalyptischer Dimension. Unterhalb von 2300 Metern haben wir nasse Rutsche in den Schneisen gesehen, ansonsten haben wir keine Lawinenaktivität oder Gefahrenzeichen beobachtet. Als wir auf dem Gletscher ankamen, war ich überzeugt, dass wir das schaffen können, und Chris stimmte mir zu. Die Schneedecke war extrem inhomogen. Eingewehtes und Gepresstes wechselte sich alle zehn Meter ab. Wir verwendeten schließlich Harscheisen. Wir überwanden die Steilstufe des Gletschers, 50 Höhenmeter in rund 35 Grad steilem Gelände, und hatten die Freshfield-Scharte in Sicht.
Die Höhenluft lag uns schwer auf den Schultern. Nach sieben Stunden erreichten wir unser Ziel um etwa 15:30 Uhr. Spätestens auf der Scharte war klar: Kondition und Sonnenlicht würden nicht für den Gipfel reichen. Das hätte einen Abstieg per Klettersteig, Traverse und dann eine Gratwanderung bedeutet, was in diesem schneearmen Winter noch einmal schwieriger gewesen wäre. Das trübte unser Glück jedoch kein bisschen. Wir aßen, ruhten uns aus und machten uns für die Abfahrt bereit. Die Abfahrt über den obersten Teil des Gletschers war aufgrund des Windeinflusses nicht optimal, aber auch nicht schlecht. Wir wählten dann die Abfahrt über die Gletscherzunge, die wir beim Aufstieg noch gemieden hatten. Wir hatten uns dort einen sicheren Checkpoint gesetzt. Der Schnee wurde immer besser und wir fuhren genüsslich hinab auf den Gletscher. Wir fellen an und verlassen den Gletscher wieder auf unserer Aufstiegsroute. Der letzte Hang war schließlich nur noch Powder-Heaven. Wir erreichten sicher und glücklich unser Biwak.
Die Abfahrt ins Tal am nächsten Tag würde einem GPX-Track folgen und den Felsriegel unterhalb der Hütte durch eine Rinne überwinden. Damit würde die exponierte Querung der Aufstiegsroute vermieden. Ich habe mir abends vor der Hütte überlegt, ob wir nicht unseren Aufstiegspuren folgen sollten, aber höchste Sicherheit war oberste Prämisse. Schließlich: Happy Birthday, Sebastian! Wir feierten mit Instant-Nudelsuppe „Nongshin feat. MayFay” in geschmolzenem Schnee und fanden in den Betten viele Stunden wohltuenden Schlaf.