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Abenteuer & Reisen

Expedition zur Königin des Trentino | Die Presanella

Wir begaben uns in die Freiheit und wurden auf dem Luftweg gerettet

22.04.2026
Sebastian Müller
Mit 3.558 Metern ist die Presanella der höchste Berg des Trentino. Auf dieser Tour haben wir Freiheit und Pulverschnee gefunden, aber ich habe nicht nur einen Skistrap und meinen goldenen Wimpel verloren, sondern auch mein vorderes Kreuzband. In diesem Artikel werde ich unsere dreitägige Tour beschreiben, die von besonderen Verhältnissen und eindrücklicher Exposition geprägt war. Abschließend werde ich eine kritische Diskussion über die Tour und den Unfall beginnen.

Die Tourenplanung

Die Presanella wurde mir in den Kopf gesetzt von meinem Freund Cristian, der in der Lombardei Gletscherbeobachtungen macht und meinem Gefühl nach schien es genau die richtige Tour, auf der Suche nach hochalpinem Abenteuer. Wir, das sind Sebastian, Meteorologe und Skitourengeher, und Chris, Psychologe und Skialpinist, sind alte und beste Freunde. Nach genauerer Betrachtung der Verhältnisse schien es uns angesichts der Lawinenwarnstufe 3 ambitioniert und riskant. Für die Tourenplanung verwendeten wir hauptsächlich Skitourenguru und nutzten auch ein paar wenige Tourenberichte, darunter einen mit einem alternativen GPX-Track. Die Presanella wird viel häufiger im Sommer als Hochtour als mit Ski begangen. Bei Lawinenwarnstufe 3 gab es in der Gegend für uns aber auch keine sicheren Alternativen. Selbst bei günstigstem LLB wird die Tour mit 1,15/3 bewertet und für den Tag unseres Aufbruchs lag dieser Wert bei 2,85.

Der von uns gewählte Zustieg beginnt auf 1 300 m in Stavel über den Sommerweg und verläuft dann über einen exponierten Felsriegel bis zum Rifugio Denza auf 2 300 m, wo wir im Biwak schlafen würden. Der von Skitourenguru angegebene Startpunkt liegt hingegen auf 1 860 m, war für uns aber noch nicht per Auto erreichbar. Dennoch würden wir diesen empfehlen, falls irgendwie möglich. Skitourenguru signalisiert für den Hüttenzustieg drei Schlüsselstellen, von denen wir auf dem Sommerweg eine vermeiden würden. Wir wussten, dass es nicht wenig geschneit hatte und dass Wind gewesen war. Ich bin aber immer für das Ausprobieren, was die größte alpinistische Kunst des Umkehrens einschließt. Wir hielten an unserer Idee fest.

Der ConditionsReport
19/03/2026 - Hüttenzustieg

Um 10 Uhr erreichen wir Stavel. Dort trafen wir den ortsansässigen Giordano, den wir erst nach einem Parkplatz, dann nach Informationen zum Zustieg zur Hütte und schließlich nach seiner Telefonnummer fragten. Giordano bot uns einen Parkplatz in seinem Hof an, und so packten wir unsere Rucksäcke. Wir waren für drei Tage off-grid ausgerüstet und hatten zudem Gletscher- und Biwakausrüstung dabei. Die Rucksäcke waren zwar schwer, aber wir konnten sofort auf Skiern loslaufen. Giordano hatte uns gute Informationen zum Zustieg gegeben, auch wenn wir ihm keine großen Kompetenzen zuschreiben konnten. Der Aufstieg führte erst flach durchs Tal, dann durch den Wald und entlang der Liftschneise der Materialseilbahn des Refugio Denza. Wir liefen und spurten durch 30 und mehr Zentimeter Neuschnee. Auf dem Sommerweg durchsteigt man den Felsriegel auf einer Holztreppe. Wir spurten durch teils sehr steiles Gelände, aber es ging ganz gut, und selbst auf der Treppe mussten wir die Ski nicht abnehmen.

Dann folgten wir dem Sommerweg weiter und erreichten einen zweiten Felsriegel. Wir verloren den Sommerweg und spurten durch noch steileres Gelände. Wir fanden den Ausweg und waren auf dem Hochplateau, von wo aus sich uns wieder der Blick auf die Presanella und Vermiglia eröffnete. Nun galt es, den Anschluss zur Route zu finden, die ein alter Maultierpfad aus dem Ersten Weltkrieg ist. Es war 16 Uhr, wir waren langsam unterwegs und stellten außerdem fest, dass die Batterie meiner Stirnlampe leer war. Trotzdem spurten wir weiter durch ein weiteres steiles Stück und erreichten schließlich die Route, den Maultierpfad, der angenehm breit, aber ebenso verschneit war. Es gab noch zwei Schlüsselstellen zu überwinden: exponierte Lawinenstriche. Wir betrachteten die Stabilität der Osthänge am späten Nachmittag jedoch als sehr günstig und befanden, dass eine Stirnlampe ausreichen würde. Die erste Schlüsselstelle verläuft über dem Felsriegel und besteht aus zwei ausgesetzten Passagen – absolute No-Fall-Zones. Die erste, etwa fünf Meter lang, spurte ich – easy

Als wir bei der zweiten ankamen, einer zehn Meter breiten Schneise, in der bereits eine kleine Lawine abgegangen war, meldete sich das Adrenalin in meinem Körper. Ich schlug vor, Harscheisen zu verwenden. Chris sah sich die Stelle an und schlug als Alpinist Fußmarsch und Pickel vor. Also spurte er tief und ich folgte ihm – schließlich war das auch einfach und sicher. Wir folgten weiter den Hasenspuren im Schnee dem Maultierpfad entlang. Es war nun dunkel geworden und der Sternenhimmel leuchtete prachtvoll über uns. Wie sollte ich die letzte Stunde beschreiben? Wir blieben ruhig. Ich hatte die Taschenlampe meines Handys mit einem Skistrap an meinem Skistock befestigt. Wir spurten uns hoch, bis plötzlich die Hütte auftauchte.

Das Biwak war offen, und große Erleichterung machte sich breit. Was für eine Mission! Tag 1, 9 Stunden Hüttenaufstieg. Wir waren auch zufrieden, weil wir keine Fehler in unseren Entscheidungsprozessen feststellen konnten, weder in der Einschätzung noch in der Reaktion. Es war, als würden wir zu lange Pasta in einem zu kleinen Topf mit einem zu schwachen Kocher kochen, aber auch das gelang schließlich. Noch bevor wir uns in die Betten legten, erfuhren wir mit Freude, dass die Lawinenwarnstufe auf Stufe 2 zurückgegangen war. Für den weiteren Verlauf der Tour mussten wir bis zur Forcella Cercen auf 3.000 m bei entsprechender Routenwahl kaum Lawinenrisiko eingehen. Die Freshfield-Scharte auf 3 370 m schien uns als optimales Ziel; der Gipfel der Presanella selbst war hingegen nur noch ein Traumziel.

20/03/2026 - Freshfield-Scharte

Wir schliefen gut in weichen Betten unter vielen Decken und frühstückten heiße Schokolade und Brot. Mühsam stiegen wir in die gefrorenen Skischuhe, dann in den Klettergurt und schließlich in die Ski. Wir folgten wieder einmal Schneehasenspuren. Wir spurten aber weiterhin tief, und wie kräftezehrend das ist, merkt man erst wieder, wenn man es tut. Die Stabilität erschien uns trotz Windeinfluss und gemäß des LLB als günstig. Wir erreichten den Hang oberhalb des Gletschers „Vedretta Presanella“ mit der Presanella, ihrem Hängegletscher und der Vermiglia vor uns – ein traumhafter Anblick. Wir querten an diesem südlich exponierten Hang, und sogleich wurde der Hitzestress wegen der reflektierten Strahlung extrem. Unglaublich, wie sich in diesen Höhen über Schnee und bei klaren Verhältnissen Hitze und Kälte so schnell abwechseln können.

Der Gletscher strömt durch zwei Kanäle hinab, wobei der breitere die optimale Skitour wäre. Angesichts unserer exponierten Lage – wir waren allein in diesem Tal und nur Totti, Marc und Giorgano wussten, wo wir waren – konnten wir kein Risiko eingehen. Also gingen wir den weiten Weg, den Sommerweg, durch flaches Gelände ohne jegliches Lawinenrisiko. Schließlich scheute ich auch eine Traverse zum Hauptgletscher und wir gingen über den Gletscher des Monte Cercen am Seil. Plötzlich erschreckte uns ein unheimliches Zischen. Chris meinte, es wäre ein Düsenflieger gewesen, aber ich glaube, es kam aus dem Gletscher. Wir sind uns darüber bis heute uneinig. Da wir die Traverse vermieden hatten, mussten wir 50 hm mehr zurücklegen, als wir den Gletscher Cercen verließen. Wir nahmen das Seil ab, fellten ab, nahmen Süßes zu uns und fuhren zum Gletscher der Presanella hinab. Auf diesem riesigen Hang gibt es eine in OpenStreetMap markierte Skitour, deren Linie sich mit meiner Interpretation des Geländes als die sicherste ergab.

Sicherlich gab es Windeinfluss, aber ich konnte mir in diesem Hang keine Lawine vorstellen, allenfalls von apokalyptischer Dimension. Unterhalb von 2300 Metern haben wir nasse Rutsche in den Schneisen gesehen, ansonsten haben wir keine Lawinenaktivität oder Gefahrenzeichen beobachtet. Als wir auf dem Gletscher ankamen, war ich überzeugt, dass wir das schaffen können, und Chris stimmte mir zu. Die Schneedecke war extrem inhomogen. Eingewehtes und Gepresstes wechselte sich alle zehn Meter ab. Wir verwendeten schließlich Harscheisen. Wir überwanden die Steilstufe des Gletschers, 50 Höhenmeter in rund 35 Grad steilem Gelände, und hatten die Freshfield-Scharte in Sicht.

Die Höhenluft lag uns schwer auf den Schultern. Nach sieben Stunden erreichten wir unser Ziel um etwa 15:30 Uhr. Spätestens auf der Scharte war klar: Kondition und Sonnenlicht würden nicht für den Gipfel reichen. Das hätte einen Abstieg per Klettersteig, Traverse und dann eine Gratwanderung bedeutet, was in diesem schneearmen Winter noch einmal schwieriger gewesen wäre. Das trübte unser Glück jedoch kein bisschen. Wir aßen, ruhten uns aus und machten uns für die Abfahrt bereit. Die Abfahrt über den obersten Teil des Gletschers war aufgrund des Windeinflusses nicht optimal, aber auch nicht schlecht. Wir wählten dann die Abfahrt über die Gletscherzunge, die wir beim Aufstieg noch gemieden hatten. Wir hatten uns dort einen sicheren Checkpoint gesetzt. Der Schnee wurde immer besser und wir fuhren genüsslich hinab auf den Gletscher. Wir fellen an und verlassen den Gletscher wieder auf unserer Aufstiegsroute. Der letzte Hang war schließlich nur noch Powder-Heaven. Wir erreichten sicher und glücklich unser Biwak.

Die Abfahrt ins Tal am nächsten Tag würde einem GPX-Track folgen und den Felsriegel unterhalb der Hütte durch eine Rinne überwinden. Damit würde die exponierte Querung der Aufstiegsroute vermieden. Ich habe mir abends vor der Hütte überlegt, ob wir nicht unseren Aufstiegspuren folgen sollten, aber höchste Sicherheit war oberste Prämisse. Schließlich: Happy Birthday, Sebastian! Wir feierten mit Instant-Nudelsuppe „Nongshin feat. MayFay” in geschmolzenem Schnee und fanden in den Betten viele Stunden wohltuenden Schlaf.

21/03/2026 - Talabfahrt

Zum Frühstück gab es wieder heiße Schokolade und Brot. Wir hinterließen eine Spende und verließen das Biwak sauberer, als wir es vorgefunden hatten. Anschließend besuchten wir die Kapelle und gedachten der vielen Menschen, die dort verewigt sind und teils an der Presanella verunglückt sind. Wir folgten diesem GPX-Track ... Wir querten ewig, bis wir diesem Felsriegel schließlich entkommen konnten. Wir hätten auffellen sollen, um diese Rinne einfacher zu erreichen, vielleicht sogar mit einer schönen Abfahrt. Aber schließlich erreichten wir den Einstieg. Mein erster Eindruck beim Anblick der Steilstufe mit blauem Eis war: „F**k, no way!” Wir sahen jedoch in der Falllinie zwei kleine Lärchen und sammelten uns an der ersten. Wir würden abseilen! Wir zogen unsere Klettergurte wieder an und bauten einen Stand. Ich band mich ein, Chris ließ mich ab, ich rückwärts zur nächsten Lärche, Stand, Chris per tuber ab, nochmal das Gleiche, bis wir in der Rinne waren.

Die Kehlen trocken vom mineralarmen Schmelzwasser in unseren Flaschen, kauten wir die letzten Haribo. Das war sicherlich die richtige Maßnahme, denn eine Abfahrt auf Ski wäre fatal gewesen. Für mich verlief das Abseilen fast entspannt, denn Chris war als Alpinist hier am Kommando und lieferte saubere Arbeit. Wer hätte gedacht, dass die krasseste Geschichte erst heute kommen würde, und wer hätte gedacht, dass die dramatischste erst noch folgen würde? Es standen immer noch 700 Höhenmeter Abfahrt durch dichten Wald mit Gegenanstieg vor uns. Nun sollte die Intensität aber erst einmal nachlassen: durch die Rinne hinaus in gutem, tiefen Schnee ... Das Plateau war nah.

Ich fuhr los, etwas zu sehr straighline, Rechtsschwung - brake turn, hinten reingedrückt, ausgehebelt, überschlagen - Sturz und Schmerz, im linken Knie. Die Bindung hatte nicht ausgelöst. Mit Mühe richtete ich mich auf und befreite mich vom Schnee. Ich rufe hoch, dass ich okay bin, schüttele die Knie und denke, dass alles okay sein könnte. Chris fährt ab und stürzt ebenso, aber zumindest aus beiden Skiern. Beide Stürze hätten heute nicht passieren dürfen. Ich sage weiterhin, dass ich okay sei, mache einen Schwung, doch mein Knie hält nicht. Schmerz und Selbstbeschimpfung. Ich sage sofort, dass es schwierig wird, nun nach unten zu kommen. Derweil ist der Wetterumschwung in vollem Gange. Der Himmel ist halb wolkenverhangen, aber wir sind unter der Wolkendecke. Ab zum Plateau! Vielleicht könnte ich ja mit Fellen rauslaufen. Und dann? 500 Höhenmeter bis nach Stavel mit einem Bein? Durch die dichten Büsche, 50 Höhenmeter, die Zähne zusammengebissen.

Auf dem Plateau angekommen: 112, jetzt oder nie. Es gab keine Chance, dass ich mit diesem Knie noch nach Stavel oder irgendwie weiterkomme. Chris stimmte mir zu. Ich rief zum ersten Mal in meinem Leben die 112 an. Man erreicht sofort den Notruf, wird dann aber an den Bergrettungsdienst in Trient weiterverbunden. Ich beginne, die Situation zu erklären, doch plötzlich wird das Handynetz schwach und ich verliere den Empfang. Haben sie verstanden, wo wir sind? Kann der Heli fliegen? Schließlich ist es bewölkt und leichter Schneefall setzt ein. Haben sie verstanden, wo wir sind? Kann der Heli fliegen? Schließlich ist es bewölkt und leichter Schneefall setzt ein. Nochmal 112 wählen und anrufen, und trotz schwachem Empfang gelingt die Kommunikation und verschafft Klarheit: sie kommen!

Wir sollen alle Sachen festhalten und das Y formen. Wir zogen uns warm an, Zigarette, warten, Verkehrsflugzeug oder Hubschrauber? Dann eindeutig, Hubschrauber vor uns, Y, der Hubschrauber fliegt über uns hinweg und dann einen Bogen und tiefer auf uns zu. Wo würde er landen? Gar nicht, er schwebt gefühlt ewig direkt vor uns, mit seinen wirbelnden Rotorblättern direkt über uns, und fliegt schließlich wieder weg, drei Rettungskräfte hinterlassend. Das war die schlimmste Angst dieser Tour, dass dieser Heli uns mit seinem Rotor häckseln würde. Wir wurden zum Abflug vorbereitet, die Prozedur wiederholt sich, wir klettern in den Heli, und fliegen ab. Wir haben eine Zwischenlandung, der Hüttenwirt mit Filzhut ist da und erkundigt sich nach uns - wir waren gewiß die ersten auf dem Biwak in diesem Jahr. Chris wird zum Auto gefahren, ich ins nächste Krankenhaus nach Cles geflogen. Notaufnahme, Ortopädie, Röntgen, alter Ortopädie-Doktor mit dicker Brille, Blutentnahme aus dem Knie, sagt "crociato!", ich "rotto?", er "probabile", Gips, basta, ciao!

Diskussion

Ich möchte unsere Skitour hiermit noch einmal kritisch im Rückblick nach zwei Wochen diskutieren. Dabei möchte ich mich als erfahrenen Skitourengeher und Chris als erfahrenen Alpinisten betrachten und unsere Kombination als qualifiziertes Team für die „Presanella” einschätzen. Der Zeitpunkt der Tour am 19.03. ist früh in der Saison. Die Tourvorbereitung am Küchentisch fiel angesichts des Lawinenlageberichts (Warnstufe 3) abschreckend aus. Skitourenguru gab das Lawinenrisiko mit 2.85 aus, aber unser Wunsch, uns das selbst anzuschauen und vor Ort zu entscheiden, war größer.

Ich praktiziere das Umkehren regelmäßig auf Skitouren und auch Chris war hinsichtlich unserer Ziele immer sehr zurückhaltend. Wir haben uns den Risiken gestellt und uns in jedem Einzelfall gewissenhaft als Team damit auseinandergesetzt. Wir gehen in die Berge, um Freiheit und Abgeschiedenheit zu suchen. Wir können und wollen nicht immer nur den schon angelegten Spuren folgen und uns am Küchentisch unter Verwendung von Algorithmen aller Möglichkeiten berauben. Dabei sei bemerkt, dass die von Skitourenguru errechneten Schlüsselstellen tatsächlich die Schlüsselstellen waren und dieses Tool sehr gut funktioniert. Wir konnten die Lawinenlage vor Ort jedoch mit guten Gründen als sicher einschätzen.

Wie mit dem Lawinenrisiko, einer Zahl zwischen 0 und 3, umzugehen ist, ist mir schließlich ein Rätsel. Ich weiß, dass das Risiko mit steigender Lawinenwarnstufe exponentiell zunimmt, aber was das genau bedeutet, ist mir nicht klar. Ich werde noch einmal Skitourenguru und Munter studieren müssen. Eine der Erkenntnisse dieser Tour ist vielleicht auch – selbst wenn es lawinenmäßig ein „false positive“ war – die Unzulänglichkeit des LLB. Dieses Gefühl begleitet mich eigentlich durch den ganzen Winter. Ich war in keiner Saison den Bedingungen näher. Nach jedem Schneefall am Berg fand ich die Lawinenwarnstufe manchmal über- oder auch unterschätzt. Wir haben also auf dieser Tour alle Verantwortung selbst getragen, nicht nur, weil wir auch auf einer Skitour unterwegs waren, die ein Bergführer mit Gästen nicht machen würde, sondern auch, weil wir im ganzen Tal alleine waren. Dadurch wurde uns die Verantwortung geschenkt, alle Risiken selbstständig einschätzen zu müssen. Wir wollten stets alle Risiken minimieren und waren auch immer bereit, umzukehren oder den Notruf abzusetzen.

Wir haben auf dieser Skitour all unsere Fähigkeiten erfolgreich eingesetzt, was mir auch heute noch ein sehr befriedigendes Gefühl gibt. Mein Skiunfall ist als fahrlässig oder unglücklich zu bewerten. Man kann den Einfluss eines schweren Rucksacks und eines 1 kg schweren Skitourenschuhs auf einem Freeride-Ski mit 106 mm Mittelbreite als ungünstige und mildernde Umstände betrachten. Letztendlich war es jedoch ein fahrlässiger Fahrfehler und die Schuld liegt bei mir, was auch gut ist. Ich hatte einen Kreuzbandriss erlitten und konnte keinen Schwung mehr fahren. Die Frage ist, wie viel Sicherheitsreserven wir zu diesem Zeitpunkt noch hatten. Wäre die Wetterlage schlechter gewesen und eine Rettung mit dem Helikopter nicht möglich gewesen, dann weiß ich nicht, auf welche Art und Weise wir sonst gerettet worden wären. Wir hatten Biwaksäcke, Daune, aber wir hatten kaum noch Wasser, kein Gas zum Kochen und auch nicht mehr viel zu essen. Wie viel schlimmer hätte es ausgehen können? Was hätte es bedeutet, wenn der Helikopter nicht hätte kommen können? Dank der Helikopterrettung waren wir schnell und unversehrt draußen. Nach nur zweieinhalb Stunden war ich mit geschientem Knie aus dem Krankenhaus raus und wir tranken Bier.

Anekdoten

Mit Giordano waren wir täglich in Kontakt, er wurde unser Freund und der heimliche Held der Geschichte – holzhackend im Tal. So viele nette Nachrichten er uns geschickt, war er mehr als unser Expeditionsmeteorologe, der ich einmal sein werde. Wer remote sein will, der kann das auch in den Alpen finden.

Kommunikation und team work sind fundamental am Berg und waren für uns sowohl für das Erreichte als auch für die Rettung essenziell.

Schneehasenspuren geben immer eine gute Richtung vor.

It is not over until it's over, or until you're at the car.

Meine Saison ist vorbei, aber der Gedanke, dass meine Saison mit dieser Tour vollendet wäre, den hatte ich ohnehin.

Wir freuen uns auch über kritische Kommentare und bedanken uns für die Aufmerksamkeit.

Fotogalerie

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