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Abenteuer & Reisen

WinterCamping | Vive la France - Teil II

La Grave, das uns mehr als einmal den Atem raubt

02.03.2026
Steffen Kruse
Über eine der längsten Abfahrten der Alpen, die Gefahren des „Hängen Bleibens“ in La Grave und wie lange zehn Minuten sein können.

Nachdem wir die vergangenen Tage fleißig auf Ski unterwegs waren, ist es Zeit für einen Badetag. Ausgestattet mit feschen Badehosen (unsere Boardshorts sind in Frankreichs Badehäusern nicht zulässig), lassen wir es uns im Les Grands Bains du Monêtier gut gehen: Römische Bäder und ein Außenbecken mit Sonne und Bergblick. Wer da nicht vollkommen entspannt wieder rauskommt, ist selbst schuld. 

Frisch poliert sind wir bereit für unser Galadinner und lassen uns im Auberge Edelweiss vortrefflich verwöhnen. Da die Wirtin aus Holland stammt und gut Deutsch spricht, erfahren wir das ein oder andere aus La Grave. Knapp 50 Nationen wohnen in dem etwa 500 Einwohner*innen zählendem Bergdorf, der Großteil angelockt durch die anspruchsvollen Berge und unendlichen Tourenmöglichkeiten. Es gebe eine lebendige und freundliche Gemeinschaft, was wir nach dem anschließenden Besuch im Le Bois des Fées bestätigen können. Zwei Jungs animieren die Gäste mit Keyboard und Gitarre, die Gefahr hier Hängen zu bleiben ist groß. Doch wir wollen am nächsten Tag wieder auf die Bretter und lassen uns auch von Sergio, dem wir auf dem Heimweg begegnen, nicht davon abbringen.

Verlassenes La Grave

La Grave frz. „der Friedhof“, heute wollen wir dich bezwingen. Da die Gondelbahn nicht läuft, ist die Höhenmeter freundliche Variante eine große Runde über Les Deux Alpes. Wir steigen morgens in La Grave in den Shuttle und drehen noch ein paar Runden auf der Piste von Les Deux Alpes. An der Bergstation der Jandri Gondel hat es am Morgen auf 3.150 hm -20° C bei über 50 km/h Wind. Zum Mittag soll es wärmer, weniger windig, einfach freundlicher werden.  Das stimmt auch. Als wir an der Bergstation des Dôme Express auf 3.400 hm unsere Ski auffellen hat es schon kuschelige -15 °C, allerdings ist es am Berg noch einmal windiger geworden.

Wir müssen knappe 400 hm aufsteigen, die sich über entspannte zwei Kilometer strecken. Der Aufstieg führt entlang des Schlepplifts einen Rücken hinauf und je ausgesetzter es wird, umso stärker wird der Wind. Beim Queeren der Liftspur bläst es so heftig, dass ich mehrfach fast das Gleichgewicht verliere. Es kommen zweifelnde Gedanken auf: Was treiben wir hier überhaupt? Sich bei diesen Bedingungen im hochalpinen Gelände von jeglicher Infrastruktur zu entfernen, scheint plötzlich ziemlich bescheuert. Wenn irgendwas schiefläuft, werden wir, trotz unserer ganzen Ausrüstung, ein echtes Problem bekommen. Trotzdem gehen wir weiter, Schritt für Schritt.

Eine Pistenraupe, die den Verbindungsweg von La Grave zurück nach Les Deux Alpes fährt, holt mich aus meinen Gedanken. So abgeschieden sind wir hier also doch nicht. Auch am Schlepplift von La Grave, der höchsten Liftanlage direkt unterhalb des Pic de la Grave mit 3.669 hm, arbeitet eine Raupe. Wir suchen uns eine einigermaßen windgeschützte Ecke und bauen für die Abfahrt um. Der kalte Wind hat seine Spuren hinterlassen. Roman hat, trotz intensiver Vermummung, eine deutliche Erfrierung an der Nase und auch bei mir wird sich die Nase an einer Stelle die nächsten Wochen schälen.

Das erste Stück über das flache Gletscherbecken ist skifahrerisch unspektakulär, dafür vom Ausblick umso schöner. Da es so kalt und klar ist, haben wir eine hervorragende Fernsicht und durch die Höhe einen wunderbaren Blick auf die umliegenden Berge. Eine kleine Pause am Charlet 3200: Windgeschützt und in der Sonne fühlt es sich richtig warm an, obwohl das Thermometer an der Wand etwas anderes besagt. Nach unserem Vesper geht es endlich richtig los, die Normalroute steht auf unserem Programm.

Also zurück ins Gletscherbecken, das durch den starken Wind ziemlich abgeblasen ist. Auf dem ersten Stück fühlt es sich fast wie Pistenskifahren an. Nach den ersten 100 hm wird der Schnee etwas tiefer und ab der Querung des Grats, unterhalb des Col du Lac, werden wir mit Powder belohnt. So wenig zerfahren wird man La Grave bei funktionierenden Liftanlagen wohl nur sehr selten erleben. Euphorie macht sich breit und der ein oder andere wird ungeduldig. Doch Benni bremst die Gruppe: Da wir alle zum ersten Mal hier sind und in La Grave einige Becken an Abseilstellen enden, sollten wir uns bei der Routenwahl wirklich sicher sein. Wir entscheiden uns eher links zu bleiben, und wollen unterhalb des Refuge Évariste Chancel nach rechts, oberhalb eines kleinen Hügels, in das nächste Becken wechseln.  

Zehn Minuten Ewigkeit

Was folgt wird ein Lehrstück für die Bedeutung von Gruppenorganisation. Beim nächsten bewussten Sammeln der Gruppe – zuvor hatten wir uns recht lose entlang des Hangs bewegt – fehlt plötzlich Steffen. Wir warten einen Moment, dann rufen wir nach ihm. Keine Reaktion. Sein Handy scheint aus zu sein oder er hat keinen Empfang. Dass die Querung von Les Deux Alpes deutlich länger gedauert hat, die Sonne schon tief steht und der Zeiger die 17 bereits überschritten hat, trägt nicht unbedingt zur Beruhigung bei. Benni beginnt umzubauen, und einen Augenblick später folge ich ihm, um mit der Suche zu beginnen.

Doch erfreulicherweise taucht Steffen in dem Hang oberhalb von uns auf. Er hatte sich als Einziger an die abgestimmte Route gehalten und war bereits oberhalb des kleinen Hügels ins nächste Becken gewechselt und dort gewartet. Auch er hatte sich bereits Sorgen gemacht, zwischen Aufstieg und Blick in den nächsten Hang abgewogen und sich zum Glück zunächst für den Check des Hangs entschieden. Die Anspannung fällt von uns ab. Wie lang sich nicht mal zehn Minuten doch plötzlich anfühlen können.

Erleichtert machen wir uns, jetzt mit ordentlicher Gruppenorganisation, an die letzten 1.000 hm Abfahrt, von denen wir vor allem die nächsten 400 hm noch in vollen Zügen genießen können. Zunächst wird der Schnee etwas schwerer, zwischen den ersten Bäumen aber noch einmal richtig fluffig, bevor die warmen Temperaturen der Vortage und die hohe Schneefallgrenze bemerkbar werden. Wir traversieren durch den Wald und kommen am ersten großen Liftmast von La Grave vorbei, an dem die Mädels und Jungs auch jetzt noch fleißig arbeiten, um die Gondel möglichst schnell wieder fit zu machen. Diese 2.300 hm lange Abfahrt ist etwas Besonderes und wird uns mit Sicherheit in Erinnerung bleiben. Besonders wegen der vielen Perspektiven auf den La Meije (3.983 hm), heute zusätzlich geschmückt mit intensiven Schneefahnen.

Das Ende eines erfüllten Tages

„Was tun nach so einem Tag? Après-Ski-Bier am Bus, ein Besuch bei Ski Extreme, ein Plausch mit Bruno, einem der alten Hasen in La Grave – und dann eine Wiederholung des Galadinners im Edelweiss mit einem Génépi zum Abschluss: wie viel besser kann das Leben noch werden? Das wollen wir sehen und machen noch einen Stopp in der K2 Bar, die zweite Partyadresse des Ortes.

Am nächsten Morgen fehlen mir der Führerschein, Personalausweis und etwas Bargeld. In einem Handyvideo entdecke ich die Ausweise auf dem Boden der Bar. Es war wohl keine gute Idee, diese lose in die Tasche zu stecken. Bei dem Versuch die Limbo-Animation der Kollegen möglichst schnell zu filmen, hatte ich die Karten wohl mit der Handyhülle aus der Tasche gezogen. Später wird uns der Barkeeper mit einem Lächeln begrüßen und begeistert von unserer Flämmli Produktion, der Schweizer Kombination aus Espresso, Zucker, Feuer und Haselnussschnaps, berichten. Ich war sehr erleichtert, meine Besitztümer wiedergefunden zu haben.

Col du Lautaret

Die Zeit verfliegt und leider steht schon die letzte Tour des Trips an. Wir begeben uns noch einmal zum Col du Lautaret. Diesmal wollen wir den Gipfel Ouest de Combeynot erreichen. Doch wir brechen den Anstieg 100 hm vor dem Ziel ab. Auf etwa 2.700 hm versuchen wir eine Rinne nach rechts zu umgehen. Der folgende Hang ist ausgesetzt und den letzten Gipfelstürmern, Steffen, Benni und mir, missfällt die Spurwahl der vorherigen Gruppe. Vielleicht ist der Hang sicher – schließlich haben die Vorgänger gefühlt jede kritische Stelle des Geländes passiert. Dennoch haben auch sie sich an den letzten Hang, dessen Steigung noch einmal deutlich zunimmt, nicht herangetraut. Also bauen auch wir an einer sicheren Stelle um und freuen uns auf die letzte Abfahrt.

Bedauerlicherweise hält die Abfahrt nicht ganz, was wir uns erhofft hatten. Oben ist der Schnee etwas windverpresst – kurz Powder, doch schon bald wird er schwerer. Nach den Vortagen hatten wir uns ein bisschen mehr erwartet. Also wechseln wir in den Nordwesthang, der schon länger in der Sonne liegt. Und tatsächlich: Das obere Stück fährt sich wunderbar, bevor der Schnee wieder schwerer und schließlich sulzig wird. Trotzdem ist es eine großartige Tour – nicht zuletzt wegen der beeindruckenden Aussicht. Und die genießen wir auch weiterhin bei einem Espresso in der Sonne vor dem Café de la Ferme, bevor wir anfangen unser Equipment zu sortieren.

Das Los für nächstes Jahr

Leider müssen wir uns am nächsten Morgen wieder voneinander verabschieden. Doch zunächst heißt es Abschied nehmen von unseren neuen Freunden in La Grave. Ein DJ auf der Durchreise hat spontan bei Ski Extreme angehalten und legt Mukke auf. Auch Sergio kommt vorbei. Es gibt Drinks, wir bringen Pommes und Pizza mit und es werden Geschenke ausgetauscht: PowderGuide Shirts und Skistrips, Ski Extreme Becher und Sticker.

Dann geht es für uns auf den Heimweg. Im Restaurant Bouillon Savoyard in Chambéry genießen wir noch einmal authentische französische Küche. Die Bouillons waren früher die Kantinen der Arbeiterschaft, gut und preiswert. Der Chef begrüßt uns persönlich. Wir sollen uns wie zu Hause führen, sein Ziel sei, dass wir glücklich sind. Das klingt nach der perfekten Glücksfee für unser nächstes Reiseziel. Und zum ersten Mal gewinnt mein Los! Im nächsten Jahr führt uns unser Trip nach Tadschikistan.

Nun heißt es Good Bye, denn leider ist es schon wieder so weit. Eine grandiose Woche mit wechselndem Wetter und vielen großartigen Touren liegt hinter uns. Wenn die Freude darüber nachlässt, können wir uns schon aufs nächste Ziel freuen. "Vive la Tadschikistan" (Зинда бод Тоҷикистон), was auch immer das dann bedeuten mag.

An dieser Stelle nochmal ein Danke an unseren Partner Sunlight, der diesen Trip durch die Bereitstellung der beiden Camper erst möglich gemacht hat. Der Trip fand im Februar 2025 statt.

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