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CR 381 (2025/2026)

Schneebericht Presanella, 20.03.2026

Eine große und dramatische Expedition im hochalpinen Gelände.

Italien Presanella
20.03.2026
sebastian_pg
Skitour

Schneelage

4 von 5 Sterne

Schneequalität

4 von 5 Sterne

Gesamteindruck

5 von 5 Sterne

Höhenlage

1300 - 3400m

Lawinenwarnstufe

mäßig (2)

Exposition

Nord Nord-Ost Ost Süd-Ost Süd Süd-West West Nord-West

Schneelage

4 von 5 Sterne
40 cm Neuschnee
Abfahrt ins Tal (bis 1300 m)
Abfahrt durch den Wald
Steinkontakt vermeidbar

Mit 30 bis 50 Zentimeter Neuschnee konnten wir ab Stavel auf 1273 m auf Skiern los. Die Schneelage ist gut und erlaubt die Tour, auch wenn der Gipfelgrat und die Rinne unterhalb der Hütte noch mehr Schnee verdient gehabt hätten.

Video

Schneequalität

4 von 5 Sterne
Harter, gepresster Schnee
Pulverschnee

Umso höher man kam, umso mehr war der Schnee windgepresst oder verfrachtet. Und umso tiefer man kam umso tiefer und pulvriger wurde der Schnee.

Warnzeichen

Viel Neuschnee

Windstärke: kein Wind

Gesamteindruck

5 von 5 Sterne
Gleich

Tag 0: Das Ziel die "Presanella" wurde mir in den Kopf gesetzt von meinem Freund Cristian, der in der Lombardei Gletscherbeobachtungen macht, und meinem Gefühl nach schien es genau die richtige Tour, auf der Suche nach hochalpinem Abenteuer. Wir, das sind ich, Sebastian, Meteorologe und Skitourengeher, und Chris, Psychologe und Skialpinist, ein alter Freund. Dann schien es in Betrachtung der Verhältnisse, als ambitioniert und betreffend der Lawinenlage als riskant. Aber bei einem 3er Lawinenwwarnstufe gab es dann in der Gegend auch keine sicheren Alternativen. Der Zustieg beginnt auf 1300m in Stavel über den Sommerweg, und verläuft dann über einem exponierten Felsriegel bis zum Rifugio Denza, 2300m. Unsere primäre Informationsquelle Skitourenguru signalisierte uns hier 3 Schlüsselstellen. Ich bin immer für das Versuchen, was die größte alpinistische Kunst des Umkehrens immer einschließt. Wir hielten an der Idee fest. Tag 1: 10 Uhr Ankunft in Stavel, nicht am von Skitourenguru angegebenen Startpunkt, weil der ist wohl noch nicht per Auto erreichbar. Trotzdem würden wir diesen empfehlen, falls irgend möglich. Wir trafen dann den orts-ansässigen Giordano, den wir erst nach Parkplatz, dann nach Informationen und schließlich nach Telefonnummer gefragt haben. Den Parlplatz fanden wir in Giordanos Hof und so packten wir unsere Rucksäcke. Ausgerüstet waren wir für 3 Tage off-grid und mit Seil, Pickel, Kocher, und allem. Schwere Rucksäcke, aber wir konnten sofort auf Skiern loslaufen. Die Informationen von Giordano waren alle positiv, auch wenn wir ihm keine großen Kompetenzen zuschreiben konnten. Der Aufstieg geht erst flach durchs Tal, dann durch den Wald, die Liftschneise der Materialseilbahn zum Refugio Denza hoch, und wir liefen und spurten durch 30 und mehr Zentimetern Neuschnee. Auf dem Sommerweg durchsteigt man den Felsriegel auf einer Holztreppe. Wir spurten tief durch teils sehr steiles Gelände, aber es ging ganz gut und selbst auf dem Treppe mussten wir die Ski nicht abnehmen. Dann weiter den Sommerweg, aber es kam ein zweiter Felsriegel und wir verloren den Sommerweg und spurten durch noch steileres Gelände. Wir fanden den Ausweg und waren auf dem Hochplateau - der Blick auf die Presanella und Vermiglia eröffnete sich uns wieder. Nun galt es den Anschluss zur Route zu finden, die ein alter Maultierpfad des 1. Weltkriegs ist. Es war 16 Uhr, wir waren langsam und stellten fest, dass meine Stirnlampe keinen Akku hatte. Wir spurten trotzdem weiter durch noch ein steiles Stück und erreichten schließlich die Route, den Maultierpfad, der angenehm breit, aber ebenso verschneit war. Wir hatten noch 2 Schlüsselstellen zu überwinden, exponierte Lawinenschneisen, aber wir betrachteten die Stabilität der Osthänge am späten Nachmittag als sehr günstig und befanden eine Stirnlämpe wäre genug. Die erste Schlüsselstelle verläuft über dem Felsriegel, und besteht aus 2 ausgesetzten Passagen - no fall zones. Die erste spurte ich, easy. Bei der zweiten angekommen, einer Schneise in der schon eine Lawine abgegangen war, meldete sich Adrenalin in meinem Körper und ich schlug vor Harscheisen zu verwenden. Chris sah sich die Stelle an, und als Alpinist schlug er Fußmarsch und Pickel vor. Also spurte er tief und ich folgte - schließlich auch easy und safe. Wir folgten weiter den Hasenspuren im Schnee dem Maultierpfad entlang und es war nun dunkel, und nur der Sternenhimmel leuchtete prachtvoll. Wie will man die letzte Stunde beschreiben? Wir blieben ruhig, ich hatte die Funzel meines Handys per Skistrap an meinen Stock angebracht, und wir spurten uns hoch bis auf einmal die Hütte auftauchte, und das Biwak war offen. Große Erleichterung, what a mission, Tag 1, 9 Stunden Hüttenaufstieg. Wir konnten keinen Fehler in unseren Entscheidungsprozessen feststellen, sowohl in Einschätzung als auch in Reaktion, und kochten und bevor wir uns in die Betten legten, erfuhren wir mit Freude, dass die Lawinenwarnstufe auf 2 zurückgegangen war. Für den weiteren Verlauf der Tour müssten wir bis zur Forcella Cercen auf 3000m bei entsprechender Routenwahl kaum Lawinenrisiko eingehen. Die Freshfield-Scharte auf 3370m schien uns als optimales Ziel, der Gipfel der Presanella selbst war nur mehr ein Traumziel. Tag 2: Guter Schlaf, heiße Schokolade und Brot zum Frühstück, in die gefrorenen Skischuhe immer noch den Schneehasenspuren folgend. Wir spurten aber weiterhin tief und wie kräftezehrend das ist merkt man dann erst wieder. Die Stabilität, trotz Windeinfluss erschien uns und gemäß des LLB als günstig. Wir erreichten den Hang oberhalb des Gletschers, mit der Presanella mit Hängegletscher und Vermiglia vor uns, ein Traum von einem Anblick. Wir querten an einem leicht südlich exponierten Hang - und sogleich wurde der Hitzestress extrem. Unglaublich wie in diesen Höhen über Schnee und bei klaren Verhältnissen, Hitze und Kälte so wechseln können. Der Gletscher strömt durch zwei Kanäle hinab, wovon der breitere die optimale Skitour wäre. In Anbetracht unsere exponierten Lage, wir waren allein in diesem Tal und nur Totti, Marc und Giorgano wussten von uns, konnten wir kein Risiko eingehen. Also, gingen wir den weiten Weg, den Sommerweg, in flachem Gelände, ohne jeglichem Lawinenrisiko. Schließlich scheute ich auch eine Traverse zum Hauptgletscher, und wir gingen über den Gletscher des Monte Cercen, am Seil, als ein unheimliches Zischen uns erschrecken ließ. Chris meinte es wäre ein Düsenflieger gegewesen, aber ich glaube es kam aus dem Gletscher. Wir sind uns darüber weiterhin uneinig. Die Traverse vermeidend hatten wir 50hm zuviel als wir den Gletscher Cercen verließen. Wir nahmen das Seil ab, fellten ab, nahmen süßes zu uns, und fuhren zum Gletscher der Presanella hinab. Auf diesem riesigen Hang gibt es eine Aufstiegslinie, die sich mit meiner Interpretation des Geländes übereinstimmend als die sicherste ergab. Es gab sicherlich Windeinfluss, aber in diesem Hang konnte ich mir keine Lawine vorstellen, und wenn dann nur von apokalyptischer Dimension. Wir haben nasse Rutsche unterhalb von 2300 Metern in den Schneisen gesehen, aber ansonsten hatten wir keine Lawinenaktivität oder Gefahrenzeichen beobachtet. Auf dem Gletscher angekommen war ich überzeugt, dass wir das machen können, und Chris stimmt mit mir überein. Die Schneedecke war extrem inhomogen, eingeweht und gepresst wechselten sich alle 10 Meter ab. Wir verwendeten schließlich Harscheisen. Wir überwanden wir die Steilstufe des Gletschers, 50 hm in rund 35 Grad steilem Gelände und wir hatten die Freshfield-Scharte in Sicht. Die Höhenluft lag schwer auf unseren Schultern. Wir erreichten unser Ziel um etwa 15:30, nach 7 Stunden. Spätestens auf der Scharte war es klar, Kondition und Sonnenlicht würden nicht für den Gipfel reichen. Das hätte einen Abstieg per Klettersteig, Traverse und dann Gratwanderung bedeutet, was in diesem eher schneearmen Winter ohnehin extra-schwer gewesen wäre. Kein bisschen trübte das unser einstweiliges Glück. Wir aßen, ruhten und machten uns für die Abfahrt bereit. Die Abfahrt über den obersten Teil des Gletschers war wegen des Wineinflusses nicht ungetrübt, aber auch nicht schlecht. Wir nahmen dann die steilere Gletscherzunge, die wir im Aufstieg noch vermieden hatten. Wir hatten uns da einen sicheren checkpoint gesetzt. Der Schnee wurde immer besser, und wir fuhren genüßlich hinab auf den Gletscher. Anfellen, und wieder auf unsere Aufstiegsroute raus aus dem Gletscher. Der letzte Hang war schließlich nur noch Powder-Heaven. Wir erreichten safe und happy unser Biwak. Die Abfahrt ins Tal morgen, einem GPX-Track folgend, würde den Felsriegel unterhalb der Hütte durchqueren, und damit die exponierte Querung der Aufstiegsroute vermeiden. Ich dachte mir abends vor der Hütte ob wir nicht unseren Aufstiegspuren folgend sollten, aber höchste Sicherheit war oberste Prämisse. Schließlich, Happy birthday, Sebastian! Wir feierten mit Instant-Nudelsuppe "Nongshin fest. MayFay" in geschmolzenem Schnee, und fanden in den Betten viele Stunden von wohligem Schlaf. Tag 3: Wir frühstückten heisse Schokolade und Brot und hinterließen eine Spende und das Biwak sauberer als wir es vorgefunden hatten. Wir besuchten dann die Kapelle und gedachten derer vieler die in dieser verewigt sind, teils an der Presanella verunglückt. Wir folgten diesem GPX-Track... Ewig querend bis wir diesem Felsriegel schließlich enkommen könnten. Wir hätten auffellen sollen um diese Rinne einfacher oder vielleicht sogar mit einer schönen Abfahrt zu erreichen. Aber schließlich erreichten wir den Einstieg. Mein erster Eindruck beim Anblick der Steilstufe mit blauem Eis war - f**k, no way. Wir sahen aber in der Falllinie zwei kleine Lärchen und sammelten uns an der ersten. Wir würden abseilen! Wir zogen unsere Klettergurte wieder an, und bauten Stand. Ich band mich ein, Chris ließ mich ab, ich rückwärts zur nächsten Lärche, Stand, Chris per tuber ab, nochmal das selbe bis wir in der Rinne waren. Die Kehlen trocken vom minerallosen Schmelzwasser in unseren Flaschen kauten wir die letzten Haribo. Das war sicherlich die richtige Maßnahme hier, eine Abfahrt auf Ski wäre wohl fatal gewesen. Das Abseilen was verlief für mich fast entspannt, Chris war als Alpinist hier am Kommando und lieferte saubere Arbeit. Wer hätte gedacht, dass die krasseste Geschichte erst heute käme, und wer würde denken, dass die dramatischste erst noch folgt? Es standen immer noch 700 Höhenmeter Abfahrt durch dichten Wald mit Gegenanstieg vor uns. Nun aber sollte die Intensität erstmal wieder nachlassen, durch die Rinne hinaus in guten tiefen Schnee... das Plateau war nah. Ich fuhr los, etwas zu sehr straighline, brake turn, hinten reingedrückt, ausgehebelt, überschlagen - Sturz und Schmerz, im linken Knie. Mit Mühe richte ich mich auf und befreie mich vom Schnee. Ich sag, ich wäre okay, schüttele die Knie, es könnte alles okay sein. Chris fährt ab, und stürzt ebenso, aus beiden Skiern aber zumindest. Beides hätte heute nicht passieren dürfen. Ich sag weiterhin ich wäre okay, mach einen Schwung, mein Knie hält nicht, Schmerz und Selbstbeschimpfung. Ich sage sofort, es wird schwierig nun nach unten zu kommen. Derweil ist der Wetterumschwung in vollem Gange, der Himmel ist halb wolkenverhangen, aber wir sind unter der Wolkendecke. Ab zum Plateau, vielleicht könnte ich ja mit Fellen rauslaufen. Und dann? 500 Höhenmeter bis nach Stavel mit einem Bein? Durch die dichten Büsche, 50 hm, die Zähne zusammengebissen. Auf dem Plateau endlich angekommen: 112, jetzt oder nie. Keine Chance, dass ich mit diesem Knie noch nach Stavel oder irgendwie weiter komme. Chris stimmte mit mir überein. 112 Anruf, erstes Mal in meinem Leben. Man erreicht sofort den Notruf und wird dann aber weiterverbunden, an den Bergrettungsdienst in Trento, und beginne die Situation zu erklären, und plötzlich wird das Handynetz schwach, ich verliere den Empfang. Haben sie verstanden wo wir sind, kann der Heli fliegen, schließlich ist es bewölkt, leichter Schneefall setzt ein. Nochmal 112 wählen und anrufen, und trotz schwachem Empfang gelingt die Kommunikation und verschafft Klarheit: sie kommen! Wir sollen alle Sachen festhalten und das Y formen. Wir zogen uns warm an, Zigarette, warten, Verkehrsflugzeug oder Hubschrauber? Dann eindeutig, Hubschrauber vor uns, Y, der Hubschrauber fliegt über uns hinweg und dann einen Bogen und tiefer auf uns zu. Wo würde er landen? Gar nicht, er schwebt gefühlt ewig mit seinen Rotorblättern schwingend direkt vor uns, schließlich wieder weg, und drei Rettungskräfte hinterlassend. Das war die schlimmste Angst der Tour, dass dieser Heli uns mit seinem Rotor häckseln würde. Wir wurden zum Abflug vorbereitet, die Prozedur wiederholt sich, wir klettern in den Heli, und fliegen ab. Wir haben eine Zwischenlandung, der Hüttenwirt mit Filzhut ist da und erkundigt sich nach uns - wir waren gewiß die ersten auf dem Biwak in diesem Jahr. Chris wird zum Auto gefahren, ich ins nächste Krankenhaus nach Cles geflogen. Notaufnahme, Ortopädie, Röntgen, alter Ortopädie-Doktor mit dicker Brille, Blutentnahme aus dem Knie, sagt "crociato!", ich "rotto?", er "probabile", Gips, basta, ciao! Trivia: Mit Giordano waren wir täglich in Kontakt, er wurde unser Freund und der heimlich Held der Geschichte - holzhackend im Tal. So viele nette Nachrichten er uns geschickt, war er mehr als unser Expeditionsmeteorologe, der ich einmal sein werde. Wer remote sein will, der kann das auch in den Alpen finden. Kommunikation und team work sind fundamental am Berg, und waren für uns sowohl für das Erreichte als auch für die Rettung essentiell. Ich glaube unsere Aktion kann auch ohne Unfall provozieren. Wir haben uns Risiken gestellt, und in jedem Einzelfall haben wir uns gewissenhaft als Team damit auseinandergesetzt. Wir gehen in die Berge und suchen Freiheit und Abgeschiedenheit. Wir können und wollen doch nicht immer nur den schon angelegten Spuren folgen. Es galt für uns alle Risiken selbstständig einzuschätzen und sie stets zu minimieren, und schließlich bereit zu sein auch umzukehren oder den Notruf abzusetzen. Man kann den Einfluss eines schweren Rucksackes, eines 1 Kilo schweren Skitourenschuhs auf einem Freeride-Ski mit 106mm Mittelbreite als ungünstige und mildernde Umstände betrachten, aber am Ende war es ein fahrlässiger Fahrfehler, und die Schuld liegt bei mir, was gut ist. It is not over until it's over, or until you're at the car. Meine Saison ist vorbei, aber der Gedanke, dass meine Saison mit dieser Tour vollendet wäre, den hatte ich ohnehin. Wir freuen uns über jeglichen kritischen Kommentar und bedanken uns für die Aufmerksamkeit. Photos leider in wirrer Reihenfolge. Sebastian und Chris.

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