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Marktübersicht Lawinenairbags 2014/15

Ein Überblick über einen immer unübersichtlicheren Markt

von Totti Lingott 19.01.2015
Freeriden und Tourengehen ist ‚en vogue’ und einer der wenigen Bereiche, der in der Wintersportbranche noch wächst. Daher hat sich auch das Angebot an Lawinenairbagrucksäcken in den letzten fünf Jahren vervielfacht, und so sind inzwischen für Freerider und Tourengeher mehrere Dutzend Rucksackmodelle mit Lawinenairbag-Technologie verfügbar. Aber auch bei den verschiedenen Airbagtechnologien hat sich eine Menge getan: Gab es vor einem Jahrzehnt nur das Airbagsystem von ABS, konkurrieren inzwischen fünf verschiedene Systeme auf dem europäischen Markt, was zu tendenziell fallenden Preisen führt, aber auch den Überblick über diesen dynamisch wachsenden Markt erschwert.

Mit Hilfe dieser Marktübersicht wollten wir euch einen Überblick über die Lawinenairbagrucksäcke der Saison 2014/2015 ermöglichen. Direkt nach der ISPO 2015 (Mitte Februar 2015 wird der Artikel, mit einem Ausblick auf die nächste Saison 2016, aktualisiert.

Grundsätzliche Vorbemerkungen

Sicherheit und Risikominimierung spielen auch im Wintersport eine immer größere Rolle. Wir versuchen uns mit allen möglichen Versicherungen gegen alle möglichen Eventualitäten abzusichern. Jegliches Risiko soll verschwinden. Das Problem dabei: die Eigenverantwortung droht hierdurch verloren zu gehen. Diese Tendenz lässt sich auch beim Freeriden erkennen. Käufliche „Sicherheit“ scheint leichter und schneller zu bekommen, als ein verantwortungsvoller Umgang mit gefährlichen Unternehmungen. Daher vorab einige unverzichtbare Hinweise, die uns am Herzen liegen: Ein Lawinenrucksack kann weder eine solide Ausbildung im Lawinen-Risiko-Management noch den gesunden Menschenverstand ersetzen, genauso wenig ersetzt ein Lawinenairbag die Freeride- und Skitouren-Grundausstattung (Lawinenverschüttetensuchgerät, -Schaufel, -Sonde und Erste-Hilfe-Set und Helm) und auch nicht das notwendige Training damit. Der Lawinenairbag spielt dann seine Stärke aus, wenn bereits etwas grundsätzliches schief gelaufen ist und der Airbag kann lediglich helfen, im Falle eines Unfalls, die Überlebenschance der Lawinenopfer zu erhöhen.

Ein ausgelöster Lawinenairbag minimiert die Wahrscheinlichkeit von einer Lawine verschüttet zu werden deutlich weniger, als die meisten Airbagnutzer glauben, allerdings erhöht ein ausgelöster Lawinenairbag die Chance zumindest weniger tief, verschüttet zu werden. Denn fast immer sind zumindest die oder der Ballon an der Lawinenoberfläche sichtbar. Logische Konsequenz: Ein Lawinenrucksack ohne Grundausstattung und seriöse Lawinenausbildung ist ganz klar nicht zu empfehlen.

Lawinenairbags und andere zusätzliche Lawinennotfallausrüstung  können die Überlebenswahrscheinlichkeit bei einem Lawinenunfall positiv beeinflussen. Man unterscheidet zwischen Rettungssystemen, die eine Verschüttung möglichst verhindern sollen (Lawinenairbag) oder dafür sorgen, dass man als Verschütteter länger in einer Lawine überleben kann (AvaLung von Black Diamond, Airsafe von Ferrino).2Allerdings scheint einzig die Wirksamkeit des Lawinenairbags erwiesen zu sein Da keines dieser zusätzlichen Rettungssysteme eine Verschüttung mit hundertprozentiger Sicherheit verhindern kann, müssen diese immer mit der Grundausstattung (LVS, Sonde, Schaufel plus Erste-Hilfe-Set) kombiniert werden bzw. es muss in einer Gruppe gewährleistet sein, dass die Kameradenrettung geübt und routiniert ablaufen kann.

 

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Wintersaison 2014/15 – großes Angebot an Lawinenairbags

Doch nun zum Angebot an Lawinenrucksäcken. Den heutigen großen Markt für Lawinenairbagsysteme bereitete der Lawinenairbag-Pionier ABS (Peter Aschauer) während zweier Jahrzehnte vor. Die Konkurrenz auf dem Markt hat sich erst in den letzten Jahren durch neue Systeme und Rucksäcke verstärkt. Für den Endkunden führt dies zu der erfreulichen Konsequenz, dass das Angebot steigt, die Preise sinken und innovative Alternativen verfügbar sind; gleichzeitig aber wird der Markt unübersichtlicher. Es lohnt sich also, genauer hinzusehen und sich über die unterschiedlichen Rucksäcke und System zu informieren.

Welche Airbagsysteme sind erhältlich und wie unterscheiden sie sich?

Bis zum Jahr 2013 waren es fünf verschiedene Lawinenairbagsysteme: Die Systeme von ABS, Snowpulse und deren Weiterentwicklung durch Mammut (seit 2011), Backcountry Access (BCA), Wary (Avi-Vest) und Mystery Ranch. Die beiden letztgenannten Firmen kommen aus den USA, konzentrieren sich dabei hauptsächlich auf den nordamerikanischen Markt und sind in Europa kaum oder gar nicht erhältlich – sie werden in den weiteren Betrachtungen deshalb vernachlässigt. BCA wurde 2013 von K2 übernommen und ist nun ebenso in vielen Geschäften erhältlich. Seit Herbst 2014 sind zwei neue Systeme – Alpride (bisher nur von Scott verbaut) und JetForce von Black Diamond (auch von den hausinternen Firmen Pieps und POC verbaut) erhältlich. Das Alpride-System verwendet die bekannte Technik des Aufblasens der Ballons mit Hilfe von komprimiertem Gas. Allerdings mit einem anderen Gasgemisch (und mit weniger Druck) in zwei kleineren Kartuschen, die auch im Flugzeug transportiert werden können. Das JetForce-System beruht hingegen auf der elektrischen Funktionsweise einer Hochleistungsturbine, die das Aufblasen der Ballons ebenso schnell – in ca. drei Sekunden – bewerkstelligt. Ein Vorteil des letztgenanntem Systems ergibt sich vor allem durch das beliebig häufige Auslösen des Airbags, z. B. zu Trainingszwecken (der Akku kann über Nacht wieder geladen werden) und dass keine problematischen Hochdruckkartuschen benötigt werden. Denn auf Flugreisen dürfen die unter hohem Druck stehende Gaskartuschen nur unter bestimmten Bedingungen mitgenommen werden – und in manchen Regionen überhaupt nicht (USA, Kanada). Die Systeme von ABS, Snowpulse, Mammut und BCA nutzen ebenfalls komprimiertes Gas zum Aufblasen der Auftriebskörper, es gibt aber von Mammut, Snowpulse und BCA wiederbefüllbare Alu-Kartuschen, die leer transportiert werden dürfen.

Wie unterscheiden sich die Auftriebskörper der verschiedenen Systeme?

In den Snowpulse-Rucksäcken wird das sog. „Lifebag-System“ verbaut, welches von Mammut zum austauschbaren P.A.S.-System (Protection Airbag System, seit 2013) weiterentwickelt wurde. Zusätzlich gibt es von Mammut noch das leichtere und günstigere R.A.S.-System (Removable Airbag System, seit 2011). Der Unterschied zwischen R.A.S.- und P.A.S.- bzw. Lifebag-Ballons liegt in der Art und Weise wie die Luftsäcke geformt bzw. wo sie in aufgeblasenem Zustand positioniert sind. Letztere werden hinter dem Kopf an der Oberseite des Rucksacks aufgeblasen und vergrößern sich rechts und links neben dem Kopf bis vor die Brust (ein Teil der Ballons befindet sich in den Trageriemen des Rucksacks). Dadurch können mechanischen Verletzungen des Kopfes und Oberkörpers während eines Lawinenabganges unter Umständen reduziert werden.4 Das R.A.S.-System wird an der Oberseite des Rucksacks ausgelöst, die Ballons vergrößern sich auch neben dem Rucksack, bleiben aber hinter bzw. neben dem Körper. Ähnliches gilt für das Alpride-, BCA- und JetForce-System, allerdings variieren die Verhältnisse von Volumen oberhalb des Rucksacks (hinter dem Kopf) zu neben dem Rucksack (hinter den Armen).

Das ABS-System verwendet noch immer zwei separate Ballons (sog. TwinBag), die ausschließlich an den Seiten des Rucksacks aufgeblasen werden. Mit 170 Litern besitzen die TwinBag-Ballons ein recht großes Auftriebsvolumen; nur die Auftriebskörper vom JetForce-System sind mit 200 Litern größer. Die anderen Systeme verfügen über ungefähr 150 Liter. Ein direkter Zusammenhang zwischen Airbagvolumen und Verschüttungstiefe oder anderen positiven Rettungseffekten (z. B. Lage des Kopfes nach Verschüttung) und dem Volumen bzw. der Positionierung der Auftriebskörper konnte bisher (aufgrund zu geringer „echter“ Fallzahlen“) nicht nachgewiesen werden.

Rucksack-Variabilität durch austauschbare Airbag-Systeme oder durch Lizenzpartner von ABS
Wer sich für das ABS-System entscheidet, kauft sich eine Basiseinheit (Powder, Vario oder Vario Limited Silver Edition) und kann dann zwischen verschiedenen ABS-Rucksack-Aufsätzen wählen. Die Aufsätze werden einfach mittels eines Reißverschlusses verbunden (ABS Zip-Ons). Die beiden letztgenannten Basiseinheiten können zusätzlich mit einem Rückenprotektor von Komperdell kombiniert werden. Zusätzlich gibt es mittlerweile von vielen anderen Rucksackherstellern kompatible Aufsätze, welche mehrheitlich mittels eines eigenständigen Tragesystems als Rucksäcke ohne ABS (z. B. im Sommer) genutzt werden können (ABS Zip-On Partner, einzig die Evoc-Zip-Ons haben kein eigenes Tragesystem!).

Außerdem wurden von ABS Lizenzkooperationen vergeben und von anderen Herstellern eigene Rucksäcke entwickelt in denen das ABS-System fest eingebaut ist (sog. ABS-Inside Partner). Bisher fährt hier nur Ortovox eine eigene Linie und hat das austauschbare auf das ABS-System aufbauende M.A.S.S. entwickelt, welches in verschiedenen Rucksäcken Platz findet und vom Benutzer gewechselt werden kann. Die ABS Limited Silver Edition ist das hochpreisigste Produkt von ABS und unterscheidet sich neben der silbernen Farbe von der herkömmlichen Vario-Einheit nur durch das Gewicht, und dass ein silbernes Rucksack-Cover und eine Karbon-Kartusche mitgeliefert werden.

Mammut hat sich mit seinen herausnehmbaren R.A.S.- und P.A.S.-Systemen der Variabilität von Lawinenrucksäcken zugewandt und es können mittlerweile zehn bzw. fünf verschiedene Rucksäcke gekauft werden, in die dasselbe Airbag-System eingebaut werden kann. Auch Mammut vergibt mittlerweile Lizenzen und gibt anderen Rucksack-Herstellern die Möglichkeit das R.A.S.-System zu integrieren (R.A.S. Inside Partner). Lifebag- und JetForce-Systeme sind fest in den jeweiligen Rucksack integriert.Dafür gibt es das JetForce-System auch in anderen Rucksackherstellern (JetForce Inside Partner). Das Alpride-System ist auch herausnehmbar, kann aber im Moment nur in die Rucksäcke von Scott eingebaut werden – zukünftig werden vermutlich noch andere Hersteller hinzukommen.

 

Gewicht und Volumen – ein wichtiges Kriterium für oder gegen einen Rucksack

Das zusätzliche Gewicht des bzw. der verwendbare Platz neben dem Airbag-System spielt eine wichtige Rolle für die Wahl des Rucksacks; bei Eintagestouren oder beim Freeriden im Skigebiet genauso wie auf Mehrtagestouren. Etwas Gewicht lässt sich durch das Verwenden von Karbonkartuschen sparen – im Vergleich zu den billigeren Stahlkartuschen wiegen diese ungefähr die Hälfte (ABS, Mammut, Snowpulse) – kosten aber auch das Doppelte. Ansonsten gibt es von fast allen Herstellern mittlerweile kleine, leichtere Rucksäcke mit weniger Funktion und große Rucksäcke, hauptsächlich für Mehrtagestouren. Das Alpride-System ist mit 800 Gramm(!) Nettogewicht das leichteste Airbagsystem auf dem Markt – und die Scott-Rucksäcke bestechen somit durch ihr geringes Gewicht.

Welche zusätzlichen Eigenschaften unterscheiden die Airbag-Systeme?

Eine bisher nur von ABS angebotene Funktion ist die Airbag-Auslösung per Funk. Diese kann insofern (lebens-)wichtig sein, da in der Stresssituation eines Lawinenabganges relativ viele Wintersportler nicht in der Lage sind, ihren Airbag auszulösen. Auch bei geführten Gruppen ist diese Funktion unter Umständen sinnvoll.

Bei den Gaskartuschensystemen muss zwischen wiederbefüllbaren (BCA, Alu-Kartusche von Snowpulse/Mammut) – meist in einem Tauchladen befüllbar – und nicht wiederbefüllbaren Kartuschen (Mammut Stahl/Karbon, Snowpulse Stahl/Karbon, ABS Stahl/Karbon, Alpride) unterschieden werden. Letztere müssen nach dem Gebrauch eingeschickt oder im Fachhandel ausgetauscht werden.

Bemerkungen zu der folgenden Übersicht

Alle Angaben in der folgenden Übersicht sind Herstellerangaben – erfahrungsgemäß variieren die Gewichts- und Volumenangaben in der Realität und wer sicher gehen will, sollte dies direkt im Wintersportladen nachprüfen. Bei manchen Modellen ist nicht klar ersichtlich, ob die Volumenangaben exklusive oder inklusive des Airbagsystems sind; auch hier ist meistens etwas Skepsis und gesunder Menschenverstand sowie die manuelle Überprüfung der Herstellerangaben sinnvoll – und zwar vor dem Kauf –, dann merkt man schnell, ob alle Ausrüstungsgegenstände im favorisierten Rucksack untergebracht werden können.



Achtung! Alle Angaben erfolgen generell ohne Gewähr! 

 

Vor- und Nachteile der verschiedenen Airbag-Systeme

ABS-System (ABS und andere Hersteller)
Vorteile: große Auswahl von verschiedenen Zip-Ons für unterschiedliche Rucksackgrößen, komplette ABS-Rucksäcke von anderen Herstellern, mittelgroßes Volumen der Auftriebskörper, leichte Karbon-Kartuschen erhältlich, optionaler Einbau eines Rückenprotektors, für Linkshänder kompatibel, Funkauslösemechanismus

Nachteile: Hohes Gewicht, hoher Preis, kein Schutz des Kopfes und Nackens, Kartusche muss eingeschickt/ausgetauscht werden, Probleme mit voller Kartusche beim Reisen im Flugzeug, gleiches Tragesystem

Lifebag-System (Snowpulse)
Vorteile: Schutz von Kopf, Nacken, Schultern und Brust, leichte Carbon-Kartuschen erhältlich
Nachteile: Hoher Preis, keine Fernauslösung möglich, kein Wechsel auf andere Rucksack möglich, hohes Gewicht, herkömmliche Kartusche muss eingeschickt/ausgetauscht werden, Probleme mit voller Kartusche beim Reisen im Flugzeug 

R.A.S.-System (Mammut und andere Hersteller)
Vorteile: auswechselbares Airbagsystem, große Auswahl an verschiedenen Rucksäcken, Gewicht, leichte Karbon-Kartuschen erhältlich, wiederbefüllbare Alu-Kartusche erhältlich (für Reisen)
Nachteile: keine Fernauslösung möglich, geringerer Schutz des Kopfes und Nackens, Probleme mit voller Kartusche beim Reisen im Flugzeug


P.A.S.-System (Mammut)
Vorteile: auswechselbares Airbagsystem, Auswahl an verschiedenen Rucksäcken, Schutz von Kopf, Nacken, Schultern und Brust, leichte Karbon-Kartuschen erhältlich, Gewicht, wiederbefüllbare Alu-Kartusche erhältlich (zum Reisen)
Nachteile: herkömmliche Kartusche muss eingeschickt werden, keine Fernauslösung möglich, etwas aufwändigeres Einpacken der Ballons, hoher Preis, Probleme mit voller Kartusche beim Reisen im Flugzeug

 

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Alpride-System (Scott)
Vorteile: vergleichsweise günstiger Preis, leichtestes System, keine Probleme beim Reisen mit voller Kartusche
Nachteile: keine Fernauslösung möglich, nicht einsetzbar in anderen Rucksäcken

JetForce-System (Black Diamond und andere Hersteller)
Vorteile: reisefreundlich, mehrmaliges Auslösen mit einer Akkuladung möglich, Aufladen des Akkus über Nacht, großes Volumen des Auftriebskörpers
Nachteile: keine Fernauslösung möglich, nicht einsetzbar in anderen Rucksäcken, hoher Preis und hohes Gewicht

BCA-System
Vorteile: relativ günstiger Preis, einfaches Einpacken der Ballons, Gewicht, wiederbefüllbare Kartuschen erhältlich
Nachteile: keine Fernauslösung möglich, schlechterer Schutz des Kopfes und Nackens, nicht variierbar mit anderen Rucksäcken, Probleme mit vollen Kartuschen beim Reisen im Flugzeug 

[1] L. Meier, S. Harvey, Feldversuche mit Lawinen-Notfallgeräten Winter 2010/2011, WSL-Institut für Schnee- und Lawinenforschung SLF, Davos, 2011.

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