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Interviews

PowderPeople | Enrico "Mose" Mosetti

Der Soul-Skifahrer der Julischen Alpen

07.03.2025 von Sebastian Müller
Enrico Mosetti ist für mich eine lokale Legende unter den Freeskiern in den italienischen Julischen Alpen. Ich, ein bayerischer Triestino, habe auf einer Heimfahrt von einer Skitour das erste Mal von ihm gehört. Meine Freunde sprachen davon, dass „Mose“ diese oder jene coole Line gefahren ist. Daraufhin suchte ich ihn auf Instagram. Kurz darauf, an einem Morgen in Sella Nevea, kamen wir auf dem Parkplatz auf der westlichen Talseite an – der Seite ohne Skilifte. Dort sah ich ihn zum ersten Mal, und er war mit seinem charakteristisch extravaganten Stil kaum zu verkennen. Mose war der Erste, der mit dem Aufstieg begann, und wahrscheinlich auch der Erste, der abfuhr. In diesem Interview versuche ich, mehr über ihn herauszufinden und euch diesen Powder-Pionier vorzustellen!

Sebastian: Lieber Enrico, lieber Mose, du warst für mich ein Mythos, deshalb freue ich mich sehr, mehr über dich herauszufinden und dich in unserer Community vorzustellen. Fangen wir ganz einfach an: Aus welcher Stadt auf welchem Planeten kommst du? Wie bist du zum Skifahren gekommen, hattest du Vorbilder und wie würdest du deine Entwicklung als Skifahrer beschreiben?

Enrico Mosetti "Mose": Ich bin in Gorizia geboren, direkt an der Grenze zwischen Italien und Slowenien, war also schon immer ein bisschen gypsy. Ich bin 2013 nach Sella Nevea gezogen und habe zuerst in meinem Van gewohnt, dann in verschiedenen kleinen Wohnungen. Als ich schließlich älter wurde, kaufte ich mir im vergangenen Jahr eine eigene Wohnung in Riofreddo (Cold Creek), einem kleinen ‚Geisterdorf‘ zwischen Tarvisio und Sella Nevea.

Durch meine Mutter kam ich schon im Alter von zweieinhalb Jahren zum Skifahren. Mit 14 Jahren entdeckte ich das Skitourengehen, später folgten das Freeriden und mit 17 die ersten steileren Abfahrten. Ich würde sagen, es war eine ganz natürliche Entwicklung, Schritt für Schritt.

Vorbilder... nun, ich bin damit aufgewachsen, Bode Miller bei seinen Rennen zuzuschauen, Freeide-Filme mit Seth Morrison zu sehen, aber für Freeride und steile Abfahrten war Marco Siffredi die größte Inspiration.

S: Was bedeutet für dich ein erfüllter Tag auf den Skiern? Wie würdest du deinen Ehrgeiz beschreiben? Würdest du sagen, dass du eher prozess- und erlebnisorientiert oder eher zielorientiert vorgehst? (Ich würde auf Ersteres tippen.)

E: Als ich jünger war, war ich definitiv zielorientierter als heute. Wenn ich ein konkretes Projekt habe, lege ich immer noch einen starken Fokus darauf, aber im Allgemeinen geht es mir inzwischen mehr um das Erlebnis selbst – darum, in den Bergen zu sein. Es spielt keine Rolle, ob es das Skifahren zwischen den Bäumen oder die Abfahrt in einem steilen Couloir ist.

S: Du bist Teil des “Black Crows” Teams. Was kannst du uns über diese Zusammenarbeit erzählen? Die Black Crows scheinen die Julischen Alpen zu mögen und veranstalten regelmäßig ein Skitest-Wochenende auf der Rifugio Gilberti, so auch dieses Jahr. Was können wir dort erwarten?

E: Meine Zusammenarbeit mit Black Crows hat 2014 begonnen, aber das erste Paar Black Crows-Ski habe ich bereits 2010 gekauft, und in den folgenden Jahren noch ein paar weitere. Dann, nach dem magischen Winter 2014, kontaktierten sie mich und begannen, mich mit Ausrüstung zu auszustatten. Seit 2016 organisieren wir zusammen mit dem lokalen Geschäft „El Condor Sport“ einen Skitest für Black Crows am Rifugio Gilberti, einen 3-tägiges Testevent Ende März.

S: Lass uns nochmal über Black Crows bleiben. Kannst du uns Einblicke in dein bevorzugtes Setup geben? Und wie stark siehst du Skier als Ausdruck deines oder allgemein eines Fahrstils?

M: Wie du dir denken kannst, habe ich eine ganze Reihe von Skiern, sodass ich für jede Bedingung das perfekte Setup habe. Mein absoluter Favorit war aber schon immer der Corvus, besonders die neueste Version des Freebird. 95 % meiner Skitage verbringe ich auf Skiern mit über 100 mm Mittelbreite – und ich bevorzuge eher längere Modelle. Ich selbst bin 170 cm groß, meine kürzesten Ski sind 179 cm lang, der Corvus Freebird, den ich fürs Tourengehen verwende, misst 183 cm, und für Freeride mit Liften oder Heliskiing nutze ich den Draco Freebird in 189 cm.

Jeder hat seinen eigenen perfekten Ski – er sollte den eigenen Stil, die Technik und das Terrain widerspiegeln, das man fahren möchte. Die Herausforderung ist, den richtigen Ski zu finden. Deshalb: Holt euch Rat und testet so viele Modelle wie möglich!

S: Wie würdest du deinen Fahrstil beschreiben? Und wie würdest du Bruno Compagnets Stil beschreiben?

M: Bruno hat einen einzigartigen Stil – wenig Kantenwinkel, viel Pivot über die Füße. Manchmal fragt man sich wirklich, wie er selbst im schlechtesten Schnee noch so ruhig und kontrolliert aussieht.

Ich selbst würde meinen Stil als leicht und schnell beschreiben – aber nur bei der Abfahrt, nicht im Aufstieg.

S: Ich muss zugeben, abgesehen von deinem Skifahren ist dein Stil ziemlich einzigartig – du kombinierst einen auffälligen Neon-Look mit hoher technischer Präzision. Wie wichtig ist dir dieser Stil?

M: Beim Skifahren, beim Klettern, aber generell in den Bergen ist Stil alles – die Art, wie du Dinge tust, wie du an sie herangehst. Heutzutage ist es einfach, irgendwo Ski zu fahren oder zu klettern, aber was wirklich den Unterschied macht, ist der Stil und die Herangehensweise. Es ist leicht, loszulegen, aber noch leichter, es zu vermasseln.

Was die Farben angeht – das bin einfach ich. Als Kind habe ich gerne gezeichnet und gemalt, später bin ich mit Punk- und Reggae-Musik aufgewachsen. Und wie ich schon gesagt habe, war Marco Siffredi mit seinen bunten Haaren als Teenager meine größte Inspiration.

S:Welches Ausrüstungsteil würdest du auf keiner Tour missen wollen?

M: Wissen. Je mehr du weißt, desto weniger brauchst du.

S: Für mich ist das Val Saisera die Perle der Julischen Alpen. Hast du die „Trilogie“ komplettiert? Und falls du es teilen möchtest – was ist deine persönliche Ski-Perle?

M: Die klassische Trilogie im Saisera-Tal besteht aus Lavinal dell'Orso, Forcella Mosè und Huda Paliza. Das erste Mal, als ich alle drei Couloirs gefahren bin, war ich siebzehn – damals habe ich die Trilogie mit meiner ersten Abfahrt der Huda Paliza vervollständigt. Seitdem habe ich aufgehört zu zählen, wie oft ich diese Lines gefahren bin.

Sicherlich kann man das Val Saisera, mit all seinen steilen Linien, als die Perle der Julischen Alpen bezeichnen. Aber für mich wird Canin immer einen besonderen Platz in meinem Herzen haben – vor allem die Linien oberhalb des Val Resia.

S: Es ist bekannt, dass die Julischen Alpen die niederschlagsreichste Region der gesamten Alpen sind. Wie würdest du das lokale Winterwetter beschreiben? Versuchst du, an jedem Tag rauszugehen, oder wartest du auf bestimmte Bedingungen?

M: Es stimmt, die Julischen Alpen gehören zu den schneereichsten Gebieten der Alpen. Gleichzeitig kann die Frostgrenze aber ziemlich hoch liegen – das bedeutet, dass es unten in den Tälern manchmal wie verrückt regnet... Ich versuche grundsätzlich, jeden Tag Skifahren oder Klettern zu gehen – natürlich abhängig von den Bedingungen. In einem Winter wie diesem war das nicht immer möglich, weil die Schneefallgrenze oft sehr hoch lag und es in den Tälern geregnet hat.

Und klar, ich liebe Powder, aber ich fahre wirklich gerne jede Art von Schnee – und Firn im Frühjahr gehört definitiv zu meinen Lieblingsbedingungen!

S: Und kulturell betrachtet – wie würdest du Friaul beschreiben? Friaul grenzt an Österreich und Slowenien und umfasst einen Teil der Dolomiten. Dennoch scheint es vom Massentourismus verschont zu bleiben, während die Nachbarregionen immer mehr Besucher anziehen. Würdest du dir mehr Tourismus wünschen, oder ist es besser, dass Friaul eine übersehene Perle der Alpen bleibt?

M: Ich glaube, Friaul und die Menschen hier sind nicht bereit für mehr Tourismus. Deshalb denke ich, dass es in naher Zukunft mehr oder weniger so bleiben wird wie jetzt. Aber es ist eine wunderschöne Region – in weniger als zwei Stunden kannst du vom Adriatischen Meer in die Julischen Alpen oder die Friauler Dolomiten fahren. Und die Nähe zu Österreich, Slowenien und sogar Kroatien ist definitiv ein Pluspunkt!

S. Kürzlich haben wir dich und Elisa (@umeshoku) in Chile gesehen – mit dem Fahrrad und kompletter Skiausrüstung. Kannst du uns einen kleinen Vorgeschmack auf dieses Abenteuer geben? Was war die ursprüngliche Idee und wie hat sich das Ganze entwickelt?

M: Die Idee war einfach: mit dem Fahrrad von Santiago de Chile nach Puerto Montt fahren und unterwegs einige Vulkane besteigen und befahren. Unser ursprünglicher Plan umfasste acht Vulkane, aber als wir in Chile ankamen, wurde einer von ihnen plötzlich sehr aktiv... also sind es am Ende sieben geworden.

Insgesamt sind wir 1.700 km mit dem Rad gefahren, mit 12.000 Höhenmetern im Anstieg – und dazu kamen nochmal 12.000 Höhenmeter auf Skiern. Diese Reise war ein Traum, den ich seit zehn Jahren hatte. 2015 war ich kurz davor, für die Vulkane nach Chile zu reisen, aber am Ende habe ich mich stattdessen für die Cordillera Blanca in Peru entschieden.

S: Die Anstiege mit dem Fahrrad... Ich sehe, dass du dieses Konzept nicht nur in Südamerika, sondern auch hier vor Ort verfolgst. Woher kommt diese Motivation? Umweltbewusstsein? Oder geht es dir darum, einen besseren Stil zu zeigen – also dass Skitouren nicht zwangsläufig mit fossilbetriebenem Individualverkehr (a.k.a. Auto) verbunden sein müssen?

M: Nein, damit hat es nichts zu tun. Als Teenager war ich einige Jahre als Radrennfahrer unterwegs, sowohl auf der Straße als auch im MTB-Bereich. Dann, als ich immer mehr geklettert bin, hatte ich einfach keine Zeit mehr fürs Radfahren. Während des Corona-Lockdowns habe ich das Rad wieder für mich entdeckt.

Es ist also etwas, das ich schon lange liebe. Radfahren mit Klettern oder Skifahren zu kombinieren, ist für mich einfach eine andere Art, Dinge zu tun oder sie interessanter zu gestalten. Zum Beispiel liebe ich es, leichte Routen (Schwierigkeit III/IV) solo zu klettern – wenn ich dann den Zustieg mit dem Fahrrad mache, wird der Tag länger, spannender und spaßiger. Genauso mit Skiern – manche Touren wären vielleicht eher trivial, aber das Rad macht sie einfach interessanter. Und natürlich ist es eine nachhaltigere Art zu reisen, aber das ist nicht meine Hauptmotivation.

S: Hast du ein paar Worte zu Marco Milanese, der letztes Jahr hier interviewt wurde?

M: Marco und ich sind seit über zehn Jahren richtig gute Freunde. Das erste Mal, als wir uns getroffen haben sind wir zusammen einen unbekannten Eisfall in den slowenischen Julischen Alpen geklettert. Ich werde nie vergessen, wie er 2013 oder 2014, nach einem Powder-Tag in Sella Nevea, zu mir kam und sagte: "Mose, weißt du... Luft wird das zukünftige Powder sein." Damals habe ich ihn nicht ganz ernst genommen – und jetzt zieht er mit seinem Wingsuit Lines in den Himmel!

S: Vielen Dank für die spannenden Einblicke in dein Leben als Skifahrer und alles Gute für die Wintersaison! Hast du noch ein abschließendes Wort oder eine Botschaft für uns?

M: Peace, love and powder!

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