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News

Rezension | STRG_F Dokumentation Snowboard und Ski: Wie gefährlich ist Tiefschnee?

Factchecking im postfaktischen Zeitalter

von Patrick Wehowsky 21.02.2019
Durch Zufall bin ich auf youtube über die STRG_F Doku „Snowboard und Ski: Wie gefährlich ist Tiefschnee?“ gestolpert. STRG_F ist ein online Rechercheformat, das beim NDR beheimatet ist und immer wieder interessante Themen aufgreift. Was ich aber in der Dokumentation von Henning Rütten zu sehen bekommen habe, ließ mich ungläubig zurück.

Henning Rütten, so ein erster Eindruck nach ein paar Sätzen zur Frage, warum diese Dokumentation gedreht wurde, erinnert mich an Markus Lanz. Bemüht seriös, aber ohne tiefere Ahnung. Bedeutungsheischende Sätze, die jeglicher inhaltlichen Akkuratesse entbehren.

Die Dichte der Falschaussagen ist dermaßen hoch, dass einem unweigerlich die täglichen Auswüchse des aktuellen amerikanischen Präsidenten in den Sinn kommen. In diesem Sinne übernehme ich hier, sozusagen stellvertretend für die New York Times oder die Washington Post, das Factchecking.

Aber der Reihe nach.

„Warum unterschätzen so viele die Gefahr?“ ist die zentrale Frage im Eingangstrailer. Die zugrunde liegende These: die meisten bzw. alle Menschen, die in Lawinen sterben, unterschätzen das Risiko oder kennen es nicht, sind also Laien. Das ist falsch. Das Ausbildungsniveau der Menschen im freien Gelände steigt und die reinen Todeszahlen sagen nichts über die Fähigkeiten der Menschen aus, auch wenn es BILD oder KRONE täglich anders darstellen.

Rütten, der von seinem Gesprächspartner als „Experte für Tiefschnee“ vorgestellt wird, skizziert das Ziel seiner Dokumentation folgendermaßen. Er habe in einer früheren Dokumentation - wir werden weiter unten noch darauf zurückkommen - Todesfälle durch Lawinenunglücke untersucht, und jetzt (Januar) „weil die Schneelage so extrem war in Österreich“ und wollte man sehen, „was sich da in den letzten Jahren verändert hat und wie die Leute heute damit umgehen, ob sich das Bewusstsein verändert hat.

Er stellt also fest: Damals waren die Leute leichtsinnig und haben die Gefahr unterschätzt. Und fragt: Wie sieht es heute aus, hat sich ein Bewusstseinswandel vollzogen? Ist es besser oder schlimmer geworden?

Schon mit der Ausgangsfeststellung bewegt sich Rütten auf einer Faktenebene mit den großen Boulevardzeitungen. Nämlich einer, die es nicht gibt. Die These ist inhaltlich falsch und die daraus abgeleitete Frage ergibt deswegen auch keinen Sinn.

Der langjährige Trend bei Lawinentoten ist mehr oder weniger gleichbleibend bzw. leicht abnehmend trotz enorm gestiegener Befahrungszahlen. Das ist aus einer Vielzahl von Gründen so, unter anderem gehört dazu auch die bessere Ausbildung der Wintersportler, die sich deshalb angepasster im winterlichen Gelände bewegen.

In der nächsten Videosequenz steht Rütten am Rüfikopf in Lech kommentiert mit Blick auf ein Hinweisschild zur Skiroute „Langer Zug“: „Das hier ist in diesem Winter das Sinnbild für Unvernunft im Tiefschnee. Hier sind vor wenigen Tagen vier Menschen ums Leben gekommen, weil sie sich an nichts gehalten haben, was eigentlich die Regeln für Tiefschneefahren vorgeben.“ So souverän und sonor kommentiert, so falsch ist diese Aussage und wenn Rütten etwas Ahnung von der Materie hätte, wüsste er das auch. Hat er aber nicht, was sich nicht nur an seinen skifahrerischen Fähigkeiten ableiten lässt. Oder anders gesagt: Wenn ihn seine Ahnungslosigkeit anschreien würde, wäre er schon längst taub.

Zur Sachlage: Am 12.1.19 sterben vier Wintersportler in Lech am Arlberg, als sie im Wöstertälli, in der Nähe der Skiroute „Langer Zug“ unterwegs sind. Drei der Männer werden in der Nacht des 12.1.19 von den Rettungstruppen geborgen, die vierte Person kann erst einige Tage später, nach Abklingen der am Abend des 12.1.19 einsetzenden Schneefälle, geborgen werden. Am Tag des Unglücks galt in Vorarlberg die generelle Lawinenstufe 3. Für den Bereich um den Arlberg galt höhenabhängig über 2200 Meter eine Drei, darunter eine Zwei.

Wo die Gruppe genau lang gefahren ist, kann aufgrund fehlender Zeugen sowie der einsetzenden Wetterlage niemand sagen. Die Informationen auf lawis.at sind wie folgt:

„Zum gegenständlichen Ereignis gibt es leider nur wenige gesicherte Informationen, da der Unfallzeitpunkt am späten Nachmittag und vor weiteren, ergiebigen Schneefällen war. Da es weder Zeugen noch nachvollziehbare Spuren und Informationen zur Lawinengröße, Auslöseursache, genaue Einfahrtsbereiche, Verhalten der Verunfallten, usw. gibt, ist auch für den Lawinenwarndienst keine detaillierte Dokumentation und sachliche Analyse möglich.“

Wie man vor dieser dünnen Sachlage hinsichtlich der Befahrung und dem Lawinenlagebericht zur obigen Einschätzung („weil sie sich an nichts gehalten haben, was eigentlich die Regeln für Tiefschneefahren vorgeben“) kommen kann, ist nicht nachvollziehbar.

Rütten macht weiter im Programm und befragt Pistenskifahrer nach ihrer Einschätzung zum Tiefschneeverhalten, was ihn in seinen Vermutungen zu bestätigen scheint. Man kann gerne Touristen nach ihrer Meinung befragen. Allerdings sollten diese Meinungen bei einer seriösen, aufklärenden Dokumentation in das vorhandene Fachwissen eingebettet und gegebenenfalls kontrastiert werden. Diese Einbettung erfolgt meiner Ansicht nach verspätet (nach über der Hälfte der Dokumentation) und in ungenügender Art und Weise.

Auch bei anderen Kleinigkeiten wird seine geringe Kenntnis von der Materie im Allgemeinen und vom Skigebiet Lech-Zürs im Speziellen deutlich. So kommentiert er mit Blick auf die Einfahrt zum Langen Zug: „Es sieht aus wie eine steile schwarze Piste.“ Nun, es ist auch praktisch eine. Es ist eine zumeist maschinell präparierte Skiroute, also eine Route, die durch die Bergbahnen gegen Lawinengefahr abgesichert wird.

Kurze Zeit später, bei Minute 4:06, blickt er in teilweise angespurtes Gelände, und behauptet, dass es hier so aussähe, als ob etwas heruntergekommen sei (damit insinuiert er wahrscheinlich eine Form von Lawine). Das ist, nach Inaugenscheinnahme der Bilder, nicht der Fall.

Mehrfach wird auf die akute Lawinengefahr hingewiesen, die am Tag des Unglücks geherrscht habe. Der Ausdruck „akute Lawinengefahr“ ist kein terminus technicus im Wintersport, sondern eine Erfindung von Journalisten, die etwas Dramatisches schreiben wollen. Meistens bezieht sich dieses journalistische akut auf Lawinenwarnstufe 4 oder 5, aber auch das war hier nicht der Fall.

Hierzu noch etwas Grundsätzliches: In allen mir bekannten Medien wurde von der sehr gefährlichen Lawinenlage am Tag des Unglücks berichtet. Das stimmt so einfach nicht. Die Journalisten, Rütten eingeschlossen, machen hier den Fehler, von der Gefahrenlage der späteren Tage, als sie vor Ort waren und die Gefahrenlage stark angestiegen war, auf die Gefahrenlage vom Unfallzeitpunkt zu schließen. Das ergibt keinen Sinn. Auch die Bergrettung hat sich ja noch im einsetzenden Schneefall zur Unfallstelle gewagt. Das spricht weniger für ihren, oft medial hervorgehobenen, selbstlosen Heldenmut, sondern für eine objektive Einschätzung der Gefahrenlage, die für die beteiligten Retter im vertretbaren Rahmen war. Erst mit der zunehmenden Neuschneemenge wurde die Bergung in der Nacht unterbrochen.

Geradezu komödienhaft wird es, wenn Rütten, auf die Nachfrage, ob er schon einmal selbst in eine gefährliche Situation gekommen sei – intendiert ist hier wahrscheinlich eine Beteiligung an einem Lawinenunglück, ein schwerer Sturz o.ä. – mit ernster Miene und nach kurzem Luftholen zu Protokoll gibt, dass er „im Tiefschnee schon mal Skier verloren hat, abseits der Piste, spät am Nachmittag, zwei Mal schon […]“

Es braucht dann bis zur Mitte dieser zwanzigminütigen Dokumentation, bis klargestellt wird, dass nicht jeder Tiefschneefan automatisch lebensmüde sei. Mit Nadine Wallner und Manuela Mandl kommen durchaus umsichtige Gesprächspartner zu Wort und es werden einige Basics erklärt. Die strukturelle Aufbereitung des Themas wird den Maßstäben einer seriösen Dokumentation aber bei Weitem nicht gerecht.

Bei so vielen Ärgernissen in so wenig Zeit habe ich mich gefragt, ob das Zufall war, oder doch eher strukturelle Gründe hat. Da Rütten selbst mehrfach auf seine im Jahr 2014 produzierte Dokumentation „Tod im Tiefschnee“ hinweist, habe ich mir diese einfach auch noch angesehen!

Auch die Doku von 2014 strotzt vor Überheblichkeit gepaart mit sachlicher Unkenntnis. Zudem schafft es die Reportage immer wieder, durch unsinnige Schnitte ihre eigenen Aussagen zu konterkarieren.

Zwei Beispiele:

1. Zur Schnittproblematik

Am Anfang der Dokumentation, beginnend bei ca. Minute 1:10, ist Rütten in Sulden am Ortler, um dort ein Lawinenunglück nachzuvollziehen, bei dem eine Person ums Leben gekommen ist.

Ab ca. Minute 2:15 kommentiert er mit Bezug auf Sulden: „Tiefschnee fahren hier fast alle. Die, die es können, die, die es halbwegs können. Ich sehe aber auch die, die es gar nicht können. Und die bringen nicht nur sich selbst in Gefahr.

In der nachfolgenden Sequenz wird der Unfall beschrieben: Ein Skifahrer wird durch eine von einem anderen Skifahrer ausgelöste Lawine verschüttet. Allerdings liegt hier gerade nicht das oben skizzierte Szenario vom Nicht-Könner vor, der andere in Gefahr bringt. Der die Lawine auslösende Skifahrer ist eine noch steilere Linie gefahren und gehört höchstwahrscheinlich eher in Kategorie risikobereiter Könner. Weshalb diese Aussagen so hintereinander geschnitten werden, ist für mich sachlich nicht nachvollziehbar.

Gegen Ende der Doku heißt es zum Unfall in Sölden: „Viele lieben den Tiefschnee, aber unterschätzen die Gefahren. Wie Volker K. aus Bargteheide.

Hiermit wird unterstellt, dass der Tote die Gefahren unterschätzt hätte. Das ist aber weder aus der Unfalldarstellung, noch aus den Ausführungen des Bergretters zu entnehmen. Im Gegenteil, der Bergführer und Bergretter aus Sulden stellt die Gruppe des Verunfallten als verantwortungsvolle, fähige Skifahrer dar („Volker K. und seine drei Begleiter suchten nicht das Risiko […]“).

Direkt im anschließenden Satz werden wieder Aussagen und Behauptungen getroffen, die an Naivität und sachlicher Falschheit schwer zu übertreffen sind: „Sie dachten, sie haben den Berg im Griff. Aber im Tiefschnee sind die Gefahren unkalkulierbar.

Beide Sätze sind so nicht haltbar. Die Unterstellung, sie hätten sich in ihrer Risikoeinschätzung getäuscht, stimmt angesichts der Schilderung des Unfalls gerade nicht. Nicht ihre Einschätzung der Gefahr war das Problem, sondern das Verhalten der anderen Skigruppe. Damit hatten sie nicht den Berg nicht im Griff, sondern die Fehleinschätzung anderer Personen hat zu diesem Unglück geführt.

2. Zur Überheblichkeit

Auf der ISPO trifft Rütten den spanischen Freerider Aymar Navarro, welcher durch ein - zu Recht höchst umstrittenes - Werbevideo seines Sponsors ABS einer größeren Öffentlichkeit bekannt wurde.

Das Lawinenunglück, das Navarro glücklicherweise überlebte, passierte bei einem Shooting für seinen Sponsor Audi, weshalb es gute Filmaufnahmen davon gab. Da ABS diese Filmaufnahmen nutzte, um daraus das oben verlinkte Werbevideo für sein System zu produzieren, gab es Behauptungen, dass ABS Navarro absichtlich eine Lawine hat auslösen lassen. Der Unfall sei also beabsichtigt gewesen.

Als Rütten Navarro mit dieser Frage konfrontiert, antwortet der ihm unmissverständlich: Dass sei das dümmste, das er jemals gehört habe. „Kein Mensch auf der Welt würde das tun.“ Angesichts der Lawinenstatistiken eine durchaus plausible Aussage.

Anstatt diese Aussage in seine Überlegungen mit einzubeziehen, bleibt Rütten bei seiner These: Im zusammengeschnittenen Video sei mehrmals ABS zu sehen, also müsse es ein absichtlicher Abgang gewesen sein. Auf die Idee, dass man Filmaufnahmen oft mehrfach verwendet und deshalb durchaus close-ups von ABS vorhanden gewesen sein könnten, die dann im Nachhinein zu einem – zu recht kritisierten – Werbevideo zusammengeschnitten wurden, kommt Rütten nicht. Aus der Existenz des Videos lässt sich nicht zwingend die Absichtlichkeit des Abgangs ableiten.

Man könnte hier noch weitere Beispiele sinnfreier Darstellung anführen, etwa die Tatsache, dass im Text zur Dokumentation ein Absturz bei einer steilen Abfahrt am Ortler (Schückrinne), sinnfreier Weise als „nächstes Opfer des Tiefschneewahns“ bezeichnet wird.

Material gäbe es noch zur Genüge.

Eines muss ich mir allerdings eingestehen. Hätte ich die youtube Kommentare gecheckt, bevor ich die Doku angeschaut habe, hätte ich schnell gewusst, dass ich mir das sparen kann. Dort fragt ein User:

„Hallo STRG_F, Könntet ihr eventuell kurz erläutern, was den Henning als "Tiefschnee-Experte" qualifiziert? Es wird im Beitrag nur so erwähnt und die einzige Referenz ist, dass er einmal eine kleine Reportage darüber gedreht hat. Es scheint ja nicht so, als dass er selber IM Tiefschnee ein Experte wäre oder sich in dem Fachgebiet "wissenschaftlich" auskennt. Liebe Grüße“

Die Antwort seitens der STRG_F Redaktion spricht für sich.

„Hi, Niklas! Bitte den Begriff Experte für Tiefschnee nicht zu wörtlich nehmen. Gunnar meinte eher, dass Henning intern im NDR und bei STRG_F derjenige ist, der sich am intensivsten mit dem Thema Tiefschnee als Journalist beschäftigt hat. Weniger mit dem Schnee selber als mit den Gefahren des Tiefschnees.“

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