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Interviews

PowderPeople | Dr. Anna Haberkorn

Die neue Lawinenprognostikerin am SLF im Gespräch mit PowderGuide

27.03.2025 von Christiane Eggert
In unserer Rubrik PowderPeople stellen wir euch immer wieder spannende Persönlichkeiten aus der Bergwelt vor. Dieses Mal haben wir Dr. Anna Haberkorn vom WSL-Institut für Schnee- und Lawinenforschung SLF in Davos interviewt. Sie arbeitet seit Winter 2025 dort als Lawinenprognostikerin und erzählt uns hier ein wenig über ihren Alltag.

Bevor wir richtig ins Gespräch einsteigen, gibt es erstmal ein paar Hard Facts zu unserem heutigen Interviewgast:

Name: Anna Haberkorn

Alter: 38 Jahre

Geboren und aufgewachsen: Mühlhausen, Thüringen (DE)

Beruf: Meteorologin und Lawinenprognostikerin

Um Anna ein bisschen besser kennenzulernen, starten wir mit ein paar Sätzen, die sie vervollständigen soll:

..meinen ersten Kontakt mit Schnee hatte ich: bereits als Kind vor der Haustüre beim Schlittenfahren und beim Langlaufen im Thüringerwald (ich habs gehasst)

..nach Feierabend mach ich am liebsten: eine Joggingrunde (aber lieber vor der Arbeit)

..Skifahren bedeutet für mich: Leidenschaft

..das darf nicht auf einer Skitour fehlen:  Notfallausrüstung, gute Laune, Nürnberger Lebkuchen

..nach einer Skitour gibt es nichts Besseres als: einen Espresso oder Drink mit meinem Touren-Partner

..darauf kann ich verzichten: Unentspanntheit

..ich träume heimlich von: Durchschlafen ;-)

..am liebsten verbringe ich meine Ferien in: den Bergen

..bei diesem Essen werde ich schwach: Lasagne

..diese Musik höre ich am liebsten: Außer Schlager alles querbeet

..ich habe Angst vor: Verletzungen

..in 10 Jahre bin ich: Institutsleiterin im SLF (lacht)

PG: Du bist seit 2025 Teil des Teams des Lawinenwarndienstes des WSL-Institut für Schnee- und Lawinenforschung SLF. Erzähl doch erstmal, wie es dazu gekommen ist: Wie wird man Lawinenprognostikerin?

Schon während meines Meteorologiestudiums in Innsbruck und den ersten eigenständigen Skitouren fand ich die Arbeit des Lawinenwarndienstes spannend. Nach meinem Studium hat es mich ans Schnee- und Lawinenforschungsinstitut SLF nach Davos gezogen. Hier habe ich zwar im Bereich Permafrost promoviert, aber die Lawinenthematik hat mich nie in Ruhe gelassen.  

Nach meiner Zeit am SLF konnte ich in der Privatwirtschaft viel Erfahrung im Naturgefahrenmanagement und insbesondere im Bereich Lawinen sammeln, was mir auch als Lawinenprognostikerin zugutekommt. 

Als die Stelle am SLF ausgeschrieben wurde, war das eine seltene Gelegenheit, einen lang gehegten Wunsch zu erfüllen. Die Lawinenprognostikerinnen-Stelle verbindet meine Passion für Schnee, Lawinen und Wetter. Besonders an meiner Stelle ist, dass ich sie mir mit einer anderen Kollegin teile. Damit hat uns das SLF die Chance gegeben, Familie und Job unter einen Hut zu bringen.

 

PG: Hast du dich schon immer für Schnee interessiert? Was fasziniert dich an dem Thema?

Schon als Kind habe ich davon geträumt, in den Bergen zu leben und zu arbeiten. Seit meinem 11. Lebensjahr war ich mindestens einmal im Winter im Skilager und mit 13 Jahren habe ich meine Mutter dazu überredet, mit einem Bergführer die Suldenspitze im Vinschgau zu besteigen. Die Leidenschaft für Berge und Schnee habe ich also schon früh entdeckt.

 

PG: Zu den bekanntesten Dienstleistungen des SLF gehört das Lawinenbulletin.  Welche Aufgaben hast du neben der Herausgabe der Lawinenbulletins? Wie darf man sich deinen Arbeitsalltag vorstellen?

Da ich erst seit Januar 2025 im Team bin, befinde ich mich noch in der Einarbeitungsphase. Mein Arbeitsalltag sieht momentan so aus: ab ca. 10 Uhr arbeite ich an meiner täglichen Einschätzung zur Lawinengefahr. Außerdem beschreibe ich den Bulletin-Teil „Schneedecke und Wetter“. Die Einschätzung ergibt sich aus verschiedensten Parametern wie Wettermodelle, Webcams, Meldungen aus dem Gelände von Beobachtern, Lawinenereignissen sowie aus Computermodellen. Meine Einschätzung muss bis 15 Uhr parat sein, da täglich zwischen 15 und 15:45 Uhr ein Briefing stattfindet, wo das Lawinenbulletin für den nächsten Tag besprochen und anschließend bis 17 Uhr erstellt wird. Beim Briefing trifft sich das diensthabende Team, das aus drei Personen besteht: dem Einsteiger (der neu in eine Dienstperiode einsteigt), dem hauptverantwortlichen Lawinenprognostiker und einer Person, welche die Reserve sicherstellt. Vor dem Briefing gibt jeder der drei diensthabenden Prognostiker unabhängig voneinander seine Einschätzung der Lawinengefahr (Gebiete gleicher Gefahrenstufe, Lawinenproblem, Exposition und Höhenlage) in ein System ein.  Beim Briefing werden die verschiedenen Einschätzungen besprochen. Per Mehrheitsbeschluss fällt dann der Entscheid für die Einschätzung. Anschließend wird die gebietsspezifische Gefahrenbeschreibung verfasst – dabei arbeiten wir mit Textbausteinen aus einem Satzkatalog. Vorteil hier ist, dass so der Text automatisch und verzugsfrei ins Französische, Italienische und Englische übersetzt wird. Täglich um 17 Uhr wird das Lawinenbulletin dann publiziert. In der gegenwärtigen Einarbeitungsphase erfolgt das Morgenupdate des Lawinenbulletins, welches um 8 Uhr publiziert wird, nur in spannenden Situation mit mir (z.B. viel Neuschnee) – und auch meine Einschätzung zählt noch nicht immer, aber ab April wird sich das ändern.

Neben der Herausgabe des Bulletins sind wir auch Ansprechpartner für die Medien. Zum Beispiel geben wir täglich Interviews zur Lawinensituation am Folgetag im Schweizer Radio SRF 1. An diese Interviews muss ich mich erst gewöhnen, noch ist die Nervosität vor jedem Interview groß, aber langsam kommt Routine rein.

 

PG: Irgendwie geht man davon aus, dass der Lawinenwarndienst noch immer männerdominiert ist. Wie hast du dich als Frau im Team eingefunden? Musstest du dich erstmal beweisen?

An sich ist das Schnee- und Lawinenbusiness eher männerdominiert. Das SLF ist da aber schon seit einigen Jahren recht gut aufgestellt: mit mir sind wir nun drei Frauen im Team (ab Juni sogar vier) und sechs Männer. Ich habe bisher überhaupt nicht das Gefühl, dass es ein Nachteil ist, eine Frau zu sein oder dass ich mich besonders beweisen muss. Wir ergänzen uns alle sehr gut.

PG: Ist der Klimawandel auch in dem Lawinenwarndienst ein Thema?

Bei der Erstellung des Bulletins ist für uns besonders das Wetter wichtig und das Klima eher untergeordnet. Aber natürlich macht sich der Klimawandel insofern bemerkbar, dass es mit der Wärme in mittleren und tiefen Lagen weniger Schnee gibt. Nassschneelawinen z.B. treten auch im Hochwinter häufiger auf und nicht nur vor allem im Frühjahr.

PG: Wir von powderguide.com sind eine Seite für den Wintersport. Lass uns da mal ein bisschen noch über dich persönlich sprechen. Bist du selbst auch viel unterwegs in den Bergen?

Ja. Ich kann mich glücklich schätzen mitten in den Schweizer Alpen leben zu dürfen. Ich habe die Berge also vor der Haustüre und bin Winter wie Sommer gerne in Natur und Bergen unterwegs.

 

PG: Wo trifft man dich an? On- oder Offpiste?

Definitiv Offpiste. Auftstiegsorientierte Skitouren sind meine absolute Leidenschaft. Je einsamer, desto besser.

 

PG: Was sind denn deine „Tools“ für den Schnee? Welche Ausrüstung ist immer mit dabei?

Mein Airbagrucksack ist immer recht gut gefüllt mit Notfallausrüstung, Helm sowie Daunenhandschuhen und Daunenjacke.

 

PG: Bist du durch deinen Beruf und dein Wissen über Schnee eher defensiv unterwegs?

Ich habe während meines Studiums in Innsbruck mit Skitouren begonnen und hatte damals gute LehrmeisterInnen. Ich habe schnell begonnen meine Touren eigenständig zu planen und mich dabei natürlich immer mit den aktuellen Schnee-, Lawinen- und Tourenbedingungen auseinandergesetzt. Ich denke nicht, dass ich durch mein Wissen und durch meine Arbeit beim SLF defensiver unterwegs bin. Ich versuche meine Tourenplanung immer den Verhältnissen anzupassen und halte unterwegs immer nach Gefahrenzeichen Ausschau.

 

PG: Wie verhältst du dich in einer Gruppe beim Touren? Wird von dir erwartet, dass du die Verhältnisse beurteilst?

Es kommt sehr darauf an, mit wem ich unterwegs bin. Ich finde es gut, selbst Verantwortung zu übernehmen und erwarte von meinen TourenpartnerInnen in der Regel auch, dass sie sich mit der Tourenplanung und den Gegebenheiten auseinandersetzen. Am liebsten bin ich zu zweit oder in kleinen Gruppen unterwegs. Das hilft meistens einer ungewollten Gruppendynamik vorzubeugen. Unentspanntheit finde ich schwierig, deshalb versuche ich diese Situationen bzw. Konstellationen zu meiden. Ich erreiche schon am liebsten den Gipfel, aber wenn man sich zum Umkehren entscheidet, freue ich mich genauso über den Kaffee im Tal.

 

PG: Hast du selbst schon Bekanntschaft mit Lawinen gemacht?

Ja, habe ich. Bisher ist zum Glück immer alles glimpflich ausgegangen und ich habe versucht meine Lehren daraus zu ziehen, was in der Planung nicht ganz optimal gelaufen ist.

PG: Vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview fand am 13. Februar 2025 statt.

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