PG: Du bist seit 2025 Teil des Teams des Lawinenwarndienstes des WSL-Institut für Schnee- und Lawinenforschung SLF. Erzähl doch erstmal, wie es dazu gekommen ist: Wie wird man Lawinenprognostikerin?
Schon während meines Meteorologiestudiums in Innsbruck und den ersten eigenständigen Skitouren fand ich die Arbeit des Lawinenwarndienstes spannend. Nach meinem Studium hat es mich ans Schnee- und Lawinenforschungsinstitut SLF nach Davos gezogen. Hier habe ich zwar im Bereich Permafrost promoviert, aber die Lawinenthematik hat mich nie in Ruhe gelassen.
Nach meiner Zeit am SLF konnte ich in der Privatwirtschaft viel Erfahrung im Naturgefahrenmanagement und insbesondere im Bereich Lawinen sammeln, was mir auch als Lawinenprognostikerin zugutekommt.
Als die Stelle am SLF ausgeschrieben wurde, war das eine seltene Gelegenheit, einen lang gehegten Wunsch zu erfüllen. Die Lawinenprognostikerinnen-Stelle verbindet meine Passion für Schnee, Lawinen und Wetter. Besonders an meiner Stelle ist, dass ich sie mir mit einer anderen Kollegin teile. Damit hat uns das SLF die Chance gegeben, Familie und Job unter einen Hut zu bringen.
PG: Hast du dich schon immer für Schnee interessiert? Was fasziniert dich an dem Thema?
Schon als Kind habe ich davon geträumt, in den Bergen zu leben und zu arbeiten. Seit meinem 11. Lebensjahr war ich mindestens einmal im Winter im Skilager und mit 13 Jahren habe ich meine Mutter dazu überredet, mit einem Bergführer die Suldenspitze im Vinschgau zu besteigen. Die Leidenschaft für Berge und Schnee habe ich also schon früh entdeckt.
PG: Zu den bekanntesten Dienstleistungen des SLF gehört das Lawinenbulletin. Welche Aufgaben hast du neben der Herausgabe der Lawinenbulletins? Wie darf man sich deinen Arbeitsalltag vorstellen?
Da ich erst seit Januar 2025 im Team bin, befinde ich mich noch in der Einarbeitungsphase. Mein Arbeitsalltag sieht momentan so aus: ab ca. 10 Uhr arbeite ich an meiner täglichen Einschätzung zur Lawinengefahr. Außerdem beschreibe ich den Bulletin-Teil „Schneedecke und Wetter“. Die Einschätzung ergibt sich aus verschiedensten Parametern wie Wettermodelle, Webcams, Meldungen aus dem Gelände von Beobachtern, Lawinenereignissen sowie aus Computermodellen. Meine Einschätzung muss bis 15 Uhr parat sein, da täglich zwischen 15 und 15:45 Uhr ein Briefing stattfindet, wo das Lawinenbulletin für den nächsten Tag besprochen und anschließend bis 17 Uhr erstellt wird. Beim Briefing trifft sich das diensthabende Team, das aus drei Personen besteht: dem Einsteiger (der neu in eine Dienstperiode einsteigt), dem hauptverantwortlichen Lawinenprognostiker und einer Person, welche die Reserve sicherstellt. Vor dem Briefing gibt jeder der drei diensthabenden Prognostiker unabhängig voneinander seine Einschätzung der Lawinengefahr (Gebiete gleicher Gefahrenstufe, Lawinenproblem, Exposition und Höhenlage) in ein System ein. Beim Briefing werden die verschiedenen Einschätzungen besprochen. Per Mehrheitsbeschluss fällt dann der Entscheid für die Einschätzung. Anschließend wird die gebietsspezifische Gefahrenbeschreibung verfasst – dabei arbeiten wir mit Textbausteinen aus einem Satzkatalog. Vorteil hier ist, dass so der Text automatisch und verzugsfrei ins Französische, Italienische und Englische übersetzt wird. Täglich um 17 Uhr wird das Lawinenbulletin dann publiziert. In der gegenwärtigen Einarbeitungsphase erfolgt das Morgenupdate des Lawinenbulletins, welches um 8 Uhr publiziert wird, nur in spannenden Situation mit mir (z.B. viel Neuschnee) – und auch meine Einschätzung zählt noch nicht immer, aber ab April wird sich das ändern.
Neben der Herausgabe des Bulletins sind wir auch Ansprechpartner für die Medien. Zum Beispiel geben wir täglich Interviews zur Lawinensituation am Folgetag im Schweizer Radio SRF 1. An diese Interviews muss ich mich erst gewöhnen, noch ist die Nervosität vor jedem Interview groß, aber langsam kommt Routine rein.
PG: Irgendwie geht man davon aus, dass der Lawinenwarndienst noch immer männerdominiert ist. Wie hast du dich als Frau im Team eingefunden? Musstest du dich erstmal beweisen?
An sich ist das Schnee- und Lawinenbusiness eher männerdominiert. Das SLF ist da aber schon seit einigen Jahren recht gut aufgestellt: mit mir sind wir nun drei Frauen im Team (ab Juni sogar vier) und sechs Männer. Ich habe bisher überhaupt nicht das Gefühl, dass es ein Nachteil ist, eine Frau zu sein oder dass ich mich besonders beweisen muss. Wir ergänzen uns alle sehr gut.
PG: Ist der Klimawandel auch in dem Lawinenwarndienst ein Thema?
Bei der Erstellung des Bulletins ist für uns besonders das Wetter wichtig und das Klima eher untergeordnet. Aber natürlich macht sich der Klimawandel insofern bemerkbar, dass es mit der Wärme in mittleren und tiefen Lagen weniger Schnee gibt. Nassschneelawinen z.B. treten auch im Hochwinter häufiger auf und nicht nur vor allem im Frühjahr.