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Abenteuer & Reisen

Expedition Spitzbergen | Herausforderungen eines Grenzgangs - Teil IV

10 Learnings

20.04.2026
Moritz Krause
40 Tage lang habe ich im April und Mai 2023 auf den Gletschern Spitzbergens gelebt. 700 Kilometer haben mein Team und ich zurückgelegt – einmal auf Ski von Süd nach Nord über die arktische Insel. In Teil 1 und 2 dieser Reihe habe ich über die mentalen Challenges gesprochen, die mich während dieser Expedition begleitet haben. Doch was hätte ich vielleicht gerne vorher gewusst, was mir das Leben, während dieser 40 Tage einfacher gemacht hätte? Falls du gerade vor einer solchen Reise stehst oder einfach einen Einblick in meine Gedankenwelt haben möchtest: Das hier ist für dich. Hier sind zehn Dinge, die ich direkt oder indirekt von unserer Expedition durch Spitzbergen gelernt habe.

Learning 1: Kameras sind extrem tough

Auf diesem Trip war meine Kamera ein Werkzeug. Und damit Tools ihren Zweck erfüllen, muss man sie benutzen – auch bei schlechtem Wetter.

Ich sehe viele Hobbyfotografen, die ihre Kamera beim ersten Anzeichen von Regen oder Schnee wegpacken. Hätte ich das auf unserer Expedition genauso gemacht, wäre kein Film dabei rausgekommen. Das erste Mal richtig gemerkt, wie robust diese Technik eigentlich ist, habe ich beim Skifahren: Kamera vorne am Rucksack, bin ich einmal der Länge nach vornüber in den Tiefschnee gefallen. Komplett weiß, die Kamera auch – und ich bekam Panik. Was ist passiert? Nichts. Sie lief 1A.

Auf der Expedition habe ich das auf die Spitze getrieben: Durchgehend hing die Kamera ungeschützt um meinen Oberkörper, bei Wind und Wetter. Nachts ließ ich sie oft vor dem Zelt liegen – am nächsten Morgen war sie teils komplett eingeschneit und funktionierte tadellos. Selbst die Akkus haben meist nie mehr als 2–3 % in der Kälte verloren. Als nach einem Regentag Wasser ins Innere kam und mein Shutter einfror, habe ich die Kamera 30 Minuten über den laufenden Benzinkocher gehalten. Danach lief sie wieder ohne Einschränkungen.

Meine Drohne habe ich einmal bei Schneesturm und 40 km/h Wind in die Luft gejagt. Die sechs anderen konnten kaum glauben, dass ich das bei diesen Bedingungen riskiere – aber wie sonst hätte ich Luftaufnahmen von uns im Schneesturm bekommen? Die DJI Mini 3 Pro flog ohne Probleme.

Beim nächsten Mal würde ich nur eines anders machen: starken Regen konsequenter fernhalten. Feuchtigkeit macht die Kamera (meiner Erfahrung nach) nicht unbedingt kaputt, kann sie aber für Stunden oder Tage lahmlegen.

Also: Hab keine Angst, deine Kamera auch bei widrigen Verhältnissen zu benutzen. Nur so entstehen Ergebnisse, die nicht nur gut, sondern herausragend sind.

Learning 2: Stromversorgung braucht akribische Planung

Da habe ich ein bisschen gepokert – und glücklicherweise ist es gut gegangen. Trotzdem habe ich gute drei Monate Vorbereitungszeit in die Stromversorgung gesteckt. Ich habe mir einen Akkukoffer selbst zusammengebaut, ihn über den Winter intensiv in der Kälte vor meiner Wohnung in Chamonix getestet und alle möglichen Fehler korrigiert. Dieser Koffer, kombiniert mit zwei 130-Watt-Solarpanelen, hat uns sieben Teilnehmer die kompletten 40 Tage mit Strom versorgt.

Ich hatte mir vorher grob ausgerechnet, wie viel Strom meine Kameratechnik verbraucht und wie viel jeder der anderen circa braucht – und den Koffer so gestaltet, dass er diesen Verbrauch für mindestens sieben Tage ohne Nachladen durchhält.

Für nichts auf dieser Expedition habe ich mich mehr vorbereitet – und das zu Recht. Wenn der Strom zur Neige geht, kann man im besten Fall keine Fotos mehr machen und im schlimmsten Fall kein SOS-Signal mehr absetzen.

Learning 3: Komfort geht über alles

Früher habe ich Komfort oft abgetan: ‚Ich bin ja noch jung, wie schlimm kann es schon werden?' Das Ergebnis waren einige sehr unangenehme Erlebnisse. Mit meinen 30 Jahren würde ich mittlerweile immer wieder auf mehr Komfort setzen, selbst wenn das ein paar extra Kilo im Pulk bedeutet.

Diese Expedition hat mir die Augen geöffnet. Wir hatten deutlich mehr Komfort-Objekte dabei als sonst: Bücher, zusätzliche Kleidungslagen, ein zweites Paar Schuhe fürs Camp, heruntergeladene Filme auf Netflix, viel zu essen und Kartenspiele. Ich bin überzeugt, dass genau dieser Zusatz unsere Tour außergewöhnlich und angenehm gemacht hat.

Und wenn du ein einziges Teil mitnehmen solltest, das du bisher noch nicht dabei hattest: ein Chair-Kit. Der Komfort einer Rückenlehne beim Sitzen ist unbezahlbar.

Learning 4: Spare nicht an den Snacks

Das zählt noch zum Thema Komfort, verdient aber einen eigenen Abschnitt.

Wir haben ungefähr 5.000 kcal pro Person pro Tag zu uns genommen – verbrannt haben wir vermutlich deutlich mehr. Das Frühstück war Porridge in riesigen Portionen; ich erinnere mich, dass Jonas und ich in der ersten Woche kaum unsere Portionen ganz aufessen konnten. Mittag und Abend gab es Trek'n'eats, davon hatten wir ausreichend dabei, plus Reserve.

Und dann gab es die Snacks. 160 Tafeln Schokolade hatten wir dabei – 32 Kilogramm, fast eine Tafel pro Person pro Tag. Rückblickend waren unsere Schokoladenpausen die Highlights jedes einzelnen Tages. Nach dem Resupply nach 20 Tagen kamen Salamis, Chips, Cognac, Kakao und Tee dazu.

Das rettet einen nicht vor dem Hungertod. Mental aber hat es eine so große Wirkung, dass ich es auf keiner vergleichbaren Expedition missen wollte. Gegen Ende hätte ich mir noch gewünscht: Gummibärchen, Bonbons, Eisteepulver und den Seeberger Trail-Mix.

Learning 5: Routinen sind der Schlüssel zum Glück

In meinen vorherigen Artikeln zur Spitzbergen-Expedition bin ich darauf schon im Detail eingegangen. Je schneller man sich die notwendigen Routinen erarbeitet, desto entspannter kann man den Trip genießen. Eine Routine fürs abendliche Camp, eine fürs Packen am Morgen, eine fürs Wasserkochen – und in meinem Fall eine fürs Filmen.

Gerade in der Arktis, komplett auf sich allein gestellt, werden die einfachsten Tasks zu großen Herausforderungen. Lass dich davon nicht unterkriegen und erarbeite dir deine eigenen Routinen.

Learning 6: 40 Tage Expedition = 40 Tage ohne Privatsphäre

Diese Gleichung sollte dir bewusst sein, bevor du aufbrichst. Du bist ununterbrochen mit deinen Expeditionspartnern zusammen – tagsüber auf der Route, abends und nachts zu zweit oder dritt im Zelt. Die dünnen Zeltwände halten einem Sturm stand, aber keinen Tonwellen. Man kann sich also nicht frei über alles und jeden unterhalten. Tagsüber kann man sich etwas hinter die Gruppe zurückfallen lassen, trotzdem ist man in Sachen Navigation, Gefahrenmanagement und Logistik durchgehend auf die anderen angewiesen.

Man kann die Situation vielleicht ein bisschen mit dem Lockdown in einer WG vergleichen, in der man die Zimmertüren nicht schließen kann – und aus der man auch nicht einfach rausgehen kann, wenn es mal hakt. Ich musste nur ein einziges Teammitglied selbst auswählen, und das war Jonas – mein bester Freund und langjähriger Tourenpartner. Wir waren schon vor der Expedition mehrfach gemeinsam auf wochenlangen Trips unterwegs, oft im Zelt. Ich wusste also ganz genau, worauf ich mich für 40 Tage einlassen würde.

Anders war es mit dem Rest des Teams, welches Jonas zusammengestellt hat. Keinen der fünf Norweger kannte ich vor der Expedition. Drei lernte ich ein paar Monate vorher kennen, zwei erst auf Spitzbergen, kurz vor dem Start. Hier habe ich Jonas zu 100% vertraut. Ich musste mich darauf verlassen, dass er genau die Menschen auswählt, die gut zusammenpassen und zwischen denen und mir keine Differenzen entstehen.

In unserem Fall hat das exzellent funktioniert. Ich kann guten Gewissens sagen: Wir waren ein Traumteam.

Es kann aber auch ganz anders kommen (was ich gottseidank nur aus Berichten kenne). Man beginnt einen langen Trip mit Leuten, die man kaum kennt, und nach ein paar Tagen kippt die Stimmung. Das kann unangenehm werden: von gegenseitigem Anschweigen bis zum vorzeitigen Ende der Tour.

Learning 8: Du wirst Sachen reparieren müssen (und teilweise hängt davon der Erfolg einer Expedition ab)

Ab Tag 15 ist bei gut der Hälfte unserer zehn Expeditionsski die Bindung aus dem Ski gerissen. Bis heute wissen wir nicht, warum. Das bedeutet normalerweise genau eines: das Ende der Expedition. Ich dachte ehrlich gesagt nicht, dass so etwas überhaupt passieren kann. Die fünf Norweger im Team waren aber vorbereitet – ohne elektrische Geräte bohrten wir neue Löcher, versetzten die Bindungen um 1,5 cm. Nicht ideal, aber wir konnten weiter.

Ähnliches hatten wir mit Löchern in Handschuhen (Hermann hatte Nähmaterial für Leder dabei), mit meiner Drohne, die ich abends im Zelt mit einem mobilen Lötkolben wieder zusammengebaut habe, und mit meiner eingefrorenen Kamera. Das Einzige, was ich nicht reparieren konnte, war mein Akkukoffer: In der letzten Woche habe ich aus Versehen zwei Kabel vertauscht und einen Kurzschluss verursacht. Eine neue Sicherung hätte gereicht – ich hatte keine dabei. Wäre das in der ersten Woche passiert, hätte es uns vermutlich den Film gekostet.

Schau dir vor jeder Expedition jedes einzelne Teil an und frag dich: Was kann hier kaputt gehen und wie repariere ich es? Je genauer diese Analyse, desto größer die Chancen auf Erfolg.

Learning 9: Eisbärwache ist das Beste, was es gibt

Zu siebt konnten wir die nächtliche Eisbärwache in Schichten von gemütlichen 1,5 Stunden aufteilen. Man wird geweckt, schält sich aus dem Schlafsack, macht sich vielleicht noch einen Tee oder Kaffee und stellt sich anschließend vors Zelt in die Kälte.

Aus dem warmen Wohnzimmer klingt das furchtbar. Ich habe diese Wache irgendwann geliebt – und mich teilweise regelrecht darauf gefreut, gegen 3:30 Uhr morgens von Jonas zum Dienst gerufen zu werden. Es hatte auch ein bisschen mit der fehlenden Privatsphäre zu tun: Während dieser 1,5 Stunden konnte ich meine Gedanken wandern lassen, hatte keine Ablenkung von außen, war komplett allein. Heißer Kaffee in der einen, Leuchtpistole in der anderen Hand, absolute Stille – das hatte etwas Beruhigendes.

Ob das jeder so empfindet, ist eine andere Frage. In meinem Film siehst du, dass Sigurd sich am liebsten sofort wieder schlafen gelegt hätte. Es ist typabhängig.

Learning 10: Eine solche Expedition ist nicht lebensverändernd. Oder doch?

Eins ist klar: Mein Leben nach der Expedition wird nie wieder dasselbe sein wie davor. Die Erfahrungen dieser 40 Tage trage ich für immer mit mir – und es gibt sogar den Film, den ich mir noch in 40 Jahren anschauen kann.

Auf der anderen Seite hat sich eigentlich gar nichts verändert. Ich hatte mir vorgenommen, öfter Porridge zu essen – bis heute nicht umgesetzt. Ich wollte Dinge wie Sofas, fließendes Wasser und die Pizza vom Italiener mehr wertschätzen – es war schon eine Woche später wieder Normalität.

Ich kann nicht sagen, ob das gut oder schlecht ist. Aber man sollte akzeptieren, dass es unter Umständen mehr als eineinhalb Monate in einer arktischen Wüste braucht, um tägliche Gewohnheiten oder den eigenen Lebensstil wirklich zu ändern.

Was braucht man wirklich auf so einer Expedition?

An Tag 37, nur eine Tagesetappe vor dem Ziel, habe ich mich während meiner Eisbärwache hingesetzt und alles aufgeschrieben, was mir geholfen hat – und was ich gerne gehabt hätte. Herausgekommen ist eine umfangreiche Packliste für zukünftige Expeditionen. Manche Punkte erklären sich nicht auf den ersten Blick, aber nach 37 Tagen weiß man, wie wertvoll eine Hand Röstzwiebeln in dem Moment gewesen wäre.

Die vollständige Liste inklusive Fotos aus meinem Tagebuch findest du hier: https://moritz-krause.com/how-to-still-feel-good-after-a-month-on-expedition/

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