Der beste Süden der Welt
Ich will nicht zu viel verraten – ich möchte natürlich, dass du den Film noch schaust. Aber so viel: In der ersten Woche war nicht klar, ob wir überhaupt den Südzipfel erreichen würden. Stürme, schlechtes Wetter, Hindernisse, ungeplante Ruhetage. Und wir hatten nur 14 Tage Zeit, um wieder am Doktorbreen anzukommen.
Schlechtwetter heißt aber auch: keine Sonne, keine Energie. Die Technik leidet, gerade wenn es mal einen Tag durchregnet (und das in der Arktis!). Mit dem stetig sinkenden Luftdruck sank auch meine Motivation und mein Antrieb zu filmen. Dieses graue Wetter und die andauernden Unterbrechungen schon in den ersten Tagen der Expedition fressen sich in die eigene Psyche. Es ist ein Dilemma: Man weiß, man sollte die Kamera einschalten und Aufnahmen sammeln, nur irgendetwas hindert einen daran; der Körper (oder der Geist?) will einfach nicht. Ich hatte ständig das Gefühl, den Film zu verlieren – als würde mir etwas davonrutschen, das ich nicht mehr einfangen kann.
Ich kann selbst heute nicht genau sagen, warum das so war. Jeder hat mal einen Tag, an dem es nicht so richtig läuft. Vielleicht wird dieses Gefühl in einer ungewohnten Umgebung wie der Arktis einfach verstärkt. Vielleicht habe ich mir mit dem Filmprojekt auch einen zu großen Druck aufgebaut, der gar nicht nötig gewesen ist.
Immer, wenn man etwas zum ersten Mal macht, hat man ja diese Unsicherheit – klappt das überhaupt, was ich mir da vorgenommen habe? Zum ersten Mal eine eineinhalb-monatige Expedition, zum ersten Mal ein großes Dokumentarfilmprojekt, und zum ersten Mal der Druck von Sponsoren und Geldgebern war rückblickend eventuell etwas viel. Ein sehr eisiges Wasser, in das ich mich da geworfen habe.
Erst im Nachhinein ist es mir aufgefallen: Diese Motivationslosigkeit in den ersten Tagen hat sich bei allen breitgemacht. Ganz normal also. Vielleicht hat das auch den Willen von jedem von uns gestärkt, jetzt erst recht und noch intensiver weiterzumachen und alles daran zu setzen, dieses südliche Ende Spitzbergens doch noch zu erreichen.
Ein kleiner Spoiler für alle, die den Film noch nicht gesehen haben: Ja, wir haben den Südzipfel erreicht. Es war ein wundervoller Tag. Das ganze Team hat gejubelt. Und wir begannen die eigentliche Traverse.
Motivationslöcher hatte ich noch einige Male während der folgenden 30 Tage, aber ich lernte damit umzugehen – sie vielmehr zu akzeptieren, als zu unterdrücken. Es bleibt ein beschissenes Gefühl, aber es war gut zu wissen, dass es jedes Mal besser wird.