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Abenteuer & Reisen

Expedition Spitzbergen | Herausforderungen eines Grenzgangs - Teil II

Der mentale Kampf hinter der Kamera: Über Selbstzweifel, fehlende Pläne und gefundene Stärke

15.01.2026
Moritz Krause
In der ersten Woche war nicht einmal klar, ob das Team den Südzipfel überhaupt erreichen würde. Während draußen Stürme tobten, begann im Zelt der Kampf gegen die eigene Motivation. Doch die scheinbare Routine, die sich danach einstellte, war ein Trugschluss. Im zweiten Teil seiner Artikelreihe nimmt uns Moritz weiter mit in die psychologischen Tiefen einer 40-tägigen Expedition. Er berichtet ungeschönt vom enormen Druck, die Erwartungen der Sponsoren zu erfüllen und ohne Drehbuch einen Dokumentarfilm abliefern zu müssen, während man eigentlich nur im warmen Schlafsack liegen will. Wie verwandelt man Zweifel in Routine? Warum sind Sonnenuntergänge eine Qual? Und wie bereitet man seinen Geist auf solche Extreme vor? Moritz teilt seine persönlichen Learnings und gibt handfeste Tipps für das mentale Training – damit aus Angst irgendwann Stärke wird.

Der beste Süden der Welt

Ich will nicht zu viel verraten – ich möchte natürlich, dass du den Film noch schaust. Aber so viel: In der ersten Woche war nicht klar, ob wir überhaupt den Südzipfel erreichen würden. Stürme, schlechtes Wetter, Hindernisse, ungeplante Ruhetage. Und wir hatten nur 14 Tage Zeit, um wieder am Doktorbreen anzukommen.

Schlechtwetter heißt aber auch: keine Sonne, keine Energie. Die Technik leidet, gerade wenn es mal einen Tag durchregnet (und das in der Arktis!). Mit dem stetig sinkenden Luftdruck sank auch meine Motivation und mein Antrieb zu filmen. Dieses graue Wetter und die andauernden Unterbrechungen schon in den ersten Tagen der Expedition fressen sich in die eigene Psyche. Es ist ein Dilemma: Man weiß, man sollte die Kamera einschalten und Aufnahmen sammeln, nur irgendetwas hindert einen daran; der Körper (oder der Geist?) will einfach nicht. Ich hatte ständig das Gefühl, den Film zu verlieren – als würde mir etwas davonrutschen, das ich nicht mehr einfangen kann.

Ich kann selbst heute nicht genau sagen, warum das so war. Jeder hat mal einen Tag, an dem es nicht so richtig läuft. Vielleicht wird dieses Gefühl in einer ungewohnten Umgebung wie der Arktis einfach verstärkt. Vielleicht habe ich mir mit dem Filmprojekt auch einen zu großen Druck aufgebaut, der gar nicht nötig gewesen ist.

Immer, wenn man etwas zum ersten Mal macht, hat man ja diese Unsicherheit – klappt das überhaupt, was ich mir da vorgenommen habe? Zum ersten Mal eine eineinhalb-monatige Expedition, zum ersten Mal ein großes Dokumentarfilmprojekt, und zum ersten Mal der Druck von Sponsoren und Geldgebern war rückblickend eventuell etwas viel. Ein sehr eisiges Wasser, in das ich mich da geworfen habe.

Erst im Nachhinein ist es mir aufgefallen: Diese Motivationslosigkeit in den ersten Tagen hat sich bei allen breitgemacht. Ganz normal also. Vielleicht hat das auch den Willen von jedem von uns gestärkt, jetzt erst recht und noch intensiver weiterzumachen und alles daran zu setzen, dieses südliche Ende Spitzbergens doch noch zu erreichen.

Ein kleiner Spoiler für alle, die den Film noch nicht gesehen haben: Ja, wir haben den Südzipfel erreicht. Es war ein wundervoller Tag. Das ganze Team hat gejubelt. Und wir begannen die eigentliche Traverse.

Motivationslöcher hatte ich noch einige Male während der folgenden 30 Tage, aber ich lernte damit umzugehen – sie vielmehr zu akzeptieren, als zu unterdrücken. Es bleibt ein beschissenes Gefühl, aber es war gut zu wissen, dass es jedes Mal besser wird.

Der Plan, ohne Plan loszugehen

Es klingt absurd, aber 40 Tage lang in der Arktis campen könnte ein ganz netter Urlaub sein. Für mich waren es 40 Tage Arbeit – ohne Pausentage. Nicht körperlich extrem, aber ein dauernder mentaler Druck.

Mit das Schlimmste waren vermutlich die wunderschönen Sonnenuntergänge an manchen Abenden. Ich lag bereits im Schlafsack, es war warm, kuschelig. Das, was ich an diesem Abenden auf keinen Fall hören wollte, war Jonas’ Ausruf: „Oh, schau mal raus. Das sieht super episch aus mit der Sonne da über dem Horizont.“
Sich dann nochmal in die eisige Kälte zu bewegen, zwei Stunden neben der Kamera zu stehen und die im Abendrot leuchtenden Berge zu filmen, ist eine ganz besonders fiese Herausforderung. Eine Qual in dem Moment. Im Nachhinein bin ich Vergangenheits-Moritz sehr dankbar, dass er das jedes Mal durchgezogen hat.

Da war aber noch etwas. Ich hatte mir vorher keinen Plan überlegt. Keinen wirklichen Plan. Ich war als Regisseur, Kamera- und Tonmensch und Story- Producer alleine verantwortlich für alles, was den Film betraf. Es gab keine vorgegebene Story, und niemanden der mir sagte was zu tun war. Nur die vage Idee, die Traverse zu dokumentieren.

Während die anderen abends Karten spielten, war ich unter Strom. Ich konnte an nichts anderes denken als den Film. Nicht, dass das überlebensnotwendig gewesen wäre; trotzdem hatten wir Sponsoren hinter uns, Menschen, die in dieses Projekt investiert und gewisse Erwartungen hatten. Die wollte und musste ich erfüllen.

Und irgendwann kamen die Selbstzweifel: „Habe ich genug gefilmt? Ist es spannend genug?“. Wie ein kleiner Teufel auf der Schulter, der einem Schuldgefühle einredet, wenn man mal nicht die Kamera in der Hand hat.

Wenn ich heute so ein Projekt anfangen würde, dann würde ich deutlich mehr Zeit in die Vorbereitung des Films stecken, vor allem Story. Das ist eines der großen Learnings für mich, filmisch betrachtet. Auch wenn sich die Story während so einer Reise um 180 Grad dreht, hat man einen Startpunkt, einen roten Faden, an dem man sich halten kann. Eine gute Sache also, dass ich es diesmal ohne Vorbereitung gemacht habe. Abgehakt, daraus gelernt, und trotzdem ist ja etwas Anständiges rausgekommen (hier nochmal die Empfehlung: „End to End Svalbard“ gibt’s auf Prime Video und AppleTV).

End To End - SVALBARD | TRAILER

Am Ende wird alles besser

Nach einem Monat gab es einen Morgen, der mir bis heute bleibt „Eigentlich kann es jetzt für immer so weitergehen“, dachte ich mir während des Frühstücks. „Mittlerweile ist dieses Leben auf Expedition ‚normaler‘ als mein tägliches Leben zuhause.“ Körperlich war ich – natürlich – ab Tag eins auf dieser Expedition. Jetzt hatte ich das Gefühl, auch mental endlich angekommen zu sein. Die Angst war weg, die Zweifel waren weg.

Vielleicht war das der eigentliche Erfolg der Expedition: zu begreifen, dass man den richtigen Weg schon findet, solange man das Vertrauen in die Sache und in sich selbst nicht verliert.

Jetzt, nach gut 30 Tagen also, war fast alles Routine. Das, was am Anfang wie eine unüberwindbare Hürde aussah, wurde zu einfachen Handgriffen. In den letzten zwei bis drei Wochen der Expedition hatte ich mir so viele kleine Details in mein Tage- und Filmnotizbuch notiert, dass ich am vorletzten Tag – endlich – das lange und filmtragende Interview mit jedem einzelnen der sechs anderen führen konnte. Jetzt hatte ich eine Story, und jetzt war der Druck auf meinen Schultern um einiges leichter.

Nach insgesamt 40 Tagen, als wir die Motoren der Schneemobile in der Ferne immer näher kommen hörten, fiel die Zusatzlast des Filmprojekts endgültig von mir ab. Was ein Gefühl.“

Rückblickend kann ich die Angst, die Sorgen und den Stress von dem Moritz am ersten Tag der Expedition nicht so wirklich nachvollziehen. Hat ja alles geklappt. Ich weiß trotzdem, dass diese Ängste, die Sorgen und der Stress, den man sich selber macht, real sind und definitiv dazugehören. Vielleicht ist das sogar notwendig für ein erfolgreiches Ergebnis – bei allem, was man unternimmt. Vielleicht strengt man sich gar nicht richtig an, wenn alles zu einfach ist?

Für die nächste Expedition weiß ich: Ich kann mich auf Stress und Sorgen freuen. Sie gehören dazu. Wenn man sich darauf einlässt, wird aus Angst Routine, aus Routine Stärke – und diese Stärke macht aus einer 40-tägigen Expedition eine unvergessliche Reise.

Ein paar Tips für deine mentale Vorbereitung

Was würde ich für die nächste Film-Expedition anders machen – und vor allem: Was kannst du tun, um dich auf so etwas vorzubereiten? Die körperliche Vorbereitung ist natürlich genauso wichtig wie die mentale, und außer man ist superfit, sollte man daran auf keinen Fall sparen. Doch wie trainiert man seinen Geist? Mit zwei Jahren Abstand zur Spitzbergen- Durchquerung und einem Leben in Chamonix habe ich vieles gesammelt, das vor allem den Kopf und das eigene Durchhaltevermögen fordert und trainiert. Mach einen Vorschlag, zwei oder alle – und am besten regelmäßig. Danach hält dich nichts mehr auf.

- Sollte Laufen zu deinem Trainingsplan gehören, lies den Wetterbericht und trainiere an den absolut schlechtesten Schlechtwettertagen. Regen, Sturm – je fieser desto besser. Und nicht nur 30 Minuten, sondern eine oder zwei Stunden, oder noch länger.
- Gehe Skitouren an Schlechtwettertagen, und am besten ebenfalls im Regen. Das soll nicht auf eine Expedition im Regen vorbereiten, sondern fordert dein Durchhaltevermögen. Solange es nicht gefährlich wird, auf keinen Fall umkehren!

- Wintercamping von Freitag bis Sonntag, zwei Nächte. Am Tag zwischen den Nächten im oder am Zelt bleiben, nichts machen. Vielleicht ein Buch lesen oder Tagebuch schreiben. Auf unserer Expedition waren solche Situationen fast regelmäßig. Alternativ (oder zusätzlich) mehrere Nächte auf dem Balkon oder Terrasse übernachten, am besten im Winter. Dadurch prüft man auch gleich Schlafsack+Isomatte auf Funktionalität.

- Eine komplette Nacht durchlaufen (oder Wandern). In der Vorbereitung auf ein Filmprojekt habe ich das einmal nahe Chamonix gemacht, 50 Kilometer von Les Contamines bis nach Courmayeur, von 10 Uhr abends bis 7 Uhr morgens. Wenn dann auch noch das Wetter schlecht ist hat man einen Jackpot (bei uns war es ‚leider‘ gut). Was bleibt ist definitiv eine nachhaltige Erinnerung. Am besten alleine oder mit einer guten Freundin/gutem Freund.

- Generell 50 Kilometer laufen, optimalerweise im Rahmen eines offiziellen Rennens. Pass auf jeden Fall auf, dass du dir dabei deine Knie und Gelenke nicht kaputt machst, vor allem wenn man untrainiert ist. Als Vorbereitung auf eine ähnliche Expedition kann aber ein mehrmonatiger Lauf-Trainingsplan eh von Vorteil sein. Dieses Jahr habe ich meine ersten 50- bzw. 70-Kilometer Rennen absolviert, bei letzterem habe ich mich schon stark dazu zwingen müssen, das Rennen auch zu beenden. Im Nachhinein habe ich gemerkt: mein Körper war nicht das Problem, sondern die Stimme in meinem Kopf: „Gib einfach auf, es ist so leicht!“

- Setz dich eine Stunde hin und schreibe die Worst-Case-Szenarien auf:

• Was, wenn dir kalt ist?

• Was, wenn du keine Motivation hast?

• Was, wenn du Angst hast?

• Was, wenn du mit jemandem Streit hast?

Das zwingt dich, über mentale Katastrophen nachzudenken und gibt dir eventuell schon vorher die Lösungen darauf. Diese Liste ist noch lange nicht vollständig, man kann seiner Kreativität freien Lauf lassen. Dies sind die Sachen, die mir persönlich sehr geholfen haben. Ich hoffe, dir helfen sie auch!

Wie filmt man so eine Expedition?

Im nächsten Teil dieser Reihe gehe ich tief ins Detail des eigentlichen Filmdrehs: von Kameras über eingefrorene Drohnen, sieben Mikrofonen bis hin zur alles entscheidenden Frage: Wo kommt genügend Strom her, um 40 Tage lang extrem stromintensives Filmequipment zu betreiben? Spannend für technikaffine Leser:innen – und für alle, die wissen wollen, wie ein Filmdreh in der Arktis wirklich abläuft.

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