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Abenteuer & Reisen

Von Queens und Höhenmetern

Drei Stories über starke Leistungen von Frauen im Bergsport

12.10.2026
Leandra Stengele
Drei Frauen, deren Geschichten weit über Rekorde hinausgehen. Rachel Entrekin läuft dem gesamten Feld davon. Sophie Woods durchquert die Alpen in Rekordzeit und fordert mehr Unterstützung für Frauen im Ausdauersport. Lhakpa Sherpa erkämpft sich ihre Freiheit und kehrt in die Berge zurück. Was sie verbindet? Die Frage nach dem: „Warum nicht ich?“

Rachel Entrekin: the „Queen of Cocodona“

„Warum nicht ich?“ Nach nur 100 von über 400 Kilometern führt Rachel Entrekin an der Spitze des Cocodona 250 Ultra-Marathon. Für einen Moment erscheint der US-Amerikanerin die Entscheidung, aus der Gruppe auszubrechen und allein vorneweg zu ziehen, verrückt. Doch dann… „Warum sollte nicht ich das Rennen führen?“ Plötzlich dämmert ihr: „Warum nicht ich?“. Bei der nächsten Verpflegungsstation angekommen, wird ihr klar, dass ihr Vorsprung zu ihren Mitstreiter*innen mindestens eine Meile betragen muss. Vielleicht könnte sie in diesem Lauf Geschichte schreiben. Schon zum zweiten Mal in diesem Lauf bricht Rachel ihre Regel „kein Weinen bis zur Ziellinie“.

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Zusammen mit Freund*innen, die sie als Pacemaker*innen durch einige Abschnitte begleiten, rennt Rachel durch Canyons, historische Städte, Flüsse, Wüsten und Wälder. Mal lachend über die Geschichten ihrer Weggefährt*innen, mal wehmütig in Erinnerung an die gemeinsamen Abenteuer der alten Zeiten und mal zweifelnd und ermüdet von den Strapazen. Rachel „Girl-powert“ ihren Weg durch Unwetter und Hagel, durch Tag und Nacht. Entlang des Weges macht sie nur Rast für „Dirt Naps“, um Basketbälle zu werfen und einen Hund zu streicheln. Auf dem letzten Anstieg erwartet sie eine dem Volk der Hopi angehörige Frau. Diese erinnert Rachel an die Auswirkungen dessen, was Rachel dabei war zu demonstrieren, dass sie Frauen überall zeige, wie stark sie seien – ein wahrer Moment des Empowerments, der Schwesterlichkeit und der gemeinsamen Stärke. Sie schenkt der Ultraläuferin Maismehl, das in der Hopi-Kultur für Leben, Stärke, Gemeinschaft und Harmonie steht. Mit neuer Kraft rennt Rachel die gesamte Strecke der letzten Steigung und erreicht das Ziel mit einem Sprint und einer unglaublichen Zeit von 56 Stunden und 9 Minuten. Eine neue „Fastest Known Time“ (FKT).

Sophie Woods: Von Hürden und Höhenmetern

Im vergangenen Juli startet Sophie Woods ihren Lauf durch 8 Länder. Die Via Alpina ist das neue Abenteuer, auf das sie gewartet hat. Während die meisten Menschen drei bis vier Monate für die Durchquerung der Alpen einplanen, rennt die Neuseeländerin die über 2 000 Kilometer lange Strecke mit mehr als 117 000 Höhenmetern in nur 28 Tagen, 17 Stunden und 59 Minuten. Für diejenigen, die sich schwertun, diese Zahlen zu verarbeiten: Das sind im Durchschnitt 69,6 Kilometer und 4 056 Höhenmeter pro Tag. Jeden Tag. Für fast einen Monat.

Mehr als eine Ausnahme

Im Interview mit dem Singletrack Podcast relativiert Sophie ihre enorme Leistung: "Das ist nicht super abnormal. Da draussen sind Frauen, die jedes Jahr sehr coole Dinge machen. Gebt uns etwas Vertrauen und Unterstützung, dann werden wir euch zeigen, was wir leisten können.” Doch warum schneiden Frauen bei diesen langen Ausdauerrennen besonders gut ab? Im Interview mit BBC meint Sophie, dass diese Beobachtungen nicht proportional sind, da Frauen sich erst auf etwas einlassen, wenn sie sich ziemlich sicher sind, dass sie es auch zu Ende bringen können. Männer hingegen denken sich meistens einfach: “Ja, warum nicht? Ich probier’s mal. Daher sieht man im Allgemeinen Frauen, die sich wirklich gut vorbereitet haben, um die bestmöglichen Chancen zu haben, etwas zu Ende zu bringen.”

Wir kämpfen um Krümel!

Sophies Meinung zur Gleichstellung der Geschlechter in diesem Sport ist klar: “Wir haben das Jahr 2026 und wir kämpfen um Krümel.” Noch vor einigen Jahren wurden bei den Männern die Top 10 ausgezeichnet, während es für Frauen nur die Top 5 gab. Bei einigen Rennen, an denen Sophie teilnahm, gab es Stornierungsmöglichkeiten für Verletzungen und Geschäftsmeetings, nicht aber für Schwangerschaften. Ausserdem gibt es bei vielen Rennen mit Startplatzverlosungen noch immer nicht gleich viele Plätze für beide Geschlechter. Auch in der Sportforschung werden Frauen seit Jahrzehnten vernachlässigt. Die Folgen dieses Versäumnisses spürt Sophie auch, als sie versucht, schwanger zu werden. “Soll ich am Rennen teilnehmen oder nicht? Soll ich einen Schwangerschaftstest machen oder nicht? Ist das der Grund, warum ich nicht schwanger werde?” Es wird so viel erwartet von Frauen und gleichzeitig meint Sophie: “Wir treten in diesem Sport an, ohne das gleiche Level an Unterstützung, Betreuung oder Forschung hinter uns zu haben, um tatsächlich sagen zu können: Ich weiß, was ich für meinen weiblichen Körper tun muss.”

Neue “Fastest Known Time”

Am 1. August 2026 erreicht Sophie Woods Monaco und zerschmettert die bis dahin bestehende „Fastest Known Time“ (FKT) der Via Alpina. In knapp 28 Tagen und 18 Stunden durchquerte die Neuseeländerin die Alpen von Muggia bei Triest bis nach Monaco. Damit übertrifft sie die bis dahin gültige FKT um mehr als sieben Tage.

Lhakpa Sherpa: „Mountain Queen“

“Wenn ich auf dem Gipfel der Welt stehe, fühle ich mich wie eine riesige Frau. Ich fühle mich so stark.” Mit dem dem Gipfel der Welt bezieht sich Lhakpa Sherpa auf den Mount Everest. Die Nepalesin ist eine von hunderten Bergsteiger*innen, die den höchsten Berg der Welt diesen Sommer erfolgreich besteigen. Wieso also wird der letzte Teil dieser Trilogie ausgerechnet Lhakpa gewidmet?

Lhakpa wird 1973 in Nepal geboren und wächst im Antlitz des Mount Everest auf. Ein altes nepalesisches Sprichwort besagt: „Eine Tochter zu haben, ist wie den Garten eines Nachbarn zu giessen“. Anders als ihre Brüder, kommt die Sherpani nicht in den Genuss einer Schulbildung und soll, wie ihre Schwestern auch, verheiratet werden. Jedoch ist Lhakpa zu gross, zu tough, zu herrisch. Sie liebt die Natur und will ihrem Herzen folgen. Als die weissen und blauäugigen Touristen in Nepal zahlreicher werden, werden Lhakpas Brüder Träger. Um ihr Geschlecht zu vertuschen, schneidet die Sherpani sich das Haar ab, um Trägerin zu werden. Sie liebt ihre Arbeit am Everest und die Freiheit draussen.

Allen Zweifeln zum Trotz

Im Jahr 2000 möchte Lhakpa den Mount Everest selbst besteigen und sucht nach finanzieller Unterstützung. „Frauen reden Unsinn“, niemand glaubte an sie. Daher nimmt Lhakpa an einem Laufwettbewerb teil und gewinnt mit dem ersten Rang genug Geld, um ein kleines Teehaus zu eröffnen. Durch das Gespräch mit einem Geschäftsmann kann sie ihr Anliegen dem Premierminister vorbringen, der ihr Anliegen unterstützt. Am 18.05.2000 kämpft sich die Sherpani trotz schlechter Wetterbedingungen auf den Gipfel: „Am Gipfel war ein Regenbogen und ich fühlte mich wie die grösste Bergfrau aller Zeiten“. Lhakpa will ihre nepalesischen Schwestern und alle Frauen inspirieren, ihnen zeigen, zu was sie im Stande sind. Als Lhakpa in ihr Elternhaus zurückkehrt, nennt sie ihr Vater stolz: „Mein Sohn“ (Entschuldigung, was?). Lhakpa arbeitet weiter als „Küchenjunge“ am Everest und lernt dabei George Dijmarescu kennen. Die beiden verlieben sich und besteigen den Mount Everest Seite an Seite. Danach zieht Lhakpa mit dem gebürtigen Rumänen in die USA, sie kriegen eine gemeinsame Tochter und heiraten. George gründet eine Bergsteigeragentur, und die beiden reisen gemeinsam nach Nepal, wo Lhakpa mit ihrer 3. Besteigung des Everest erstmals den Rekord der meisten Besteigungen unter den Frauen erhält.

Gewalt hinter der Gipfelgeschichte

Wie ein unheilvoller Vorbote, kommt während dieser Exkursion Georges dominanter und aufbrausender Charakter erstmals zum Vorschein. Er trinkt viel und wird gegenüber Lhakpas Schwester handgreiflich. Während der Exkursion im darauffolgenden Jahr, wird George auch Lhakpa gegenüber gewalttätig. „Bringt diesen Müll hier weg“, ordnet er den Sherpas an, eine bewusstlose Lhakpa aus dem Zelt zu schaffen. Körperliche und psychische Misshandlungen werden ab dann Teil von Lhakpas Leben. Trotzdem besteigen die beiden den Everest noch zwei weitere Jahre gemeinsam. Während ihrer 6. Besteigung bemerkt Lhakpa ihre dritte Schwangerschaft. Nach der Geburt ihrer zweiten Tochter, gibt die Sherpani das Bergsteigen auf. Sie möchte ihre Mädchen beschützen. Auf der Exkursion von 2004 ist auch der Journalist und Buchautor Michael Kodas mit dabei. Er berichtet über die Exkursion, Georges Charakter und seine gewalttätige Art gegenüber Lhakpa in Zeitschriften und später auch in seinem Buch „High Crimes“.  Nach der Buchveröffentlichung streiten sich George und Lhakpa häufiger. Er schlägt sie häufiger. Er verbietet ihr, auf die Exkursionen zum Everest mitzukommen. Lhakpa sitzt zuhause fest, die Haus-Sherpani ihres Ehemannes. Als George 2010 eine Krebsdiagnose erhält, versichert ihm Lhakpa, sich um ihn zu kümmern und ihn zu retten. Doch George bleibt ihr Monster. Er misshandelt Lhakpa, auch vor den Augen ihrer Töchter.

Der Weg zurück in die Freiheit

Als Lhakpa 2011 ins Krankenhaus eingeliefert wird, wird ihr klar, dass George seine Morddrohungen eines Tages wahr werden lassen würde. Sie entscheidet sich, ihr Zuhause hinter sich zu lassen und mit ihren Kindern in ein Frauenhaus zu ziehen. Danach findet sie einen Job, zieht in eine andere Gegend und lässt sich von George scheiden. Nach 10 Jahren findet die Sherpani erstmals wieder ihren Weg zurück zum Mount Everest und besteigt ihren Berg 2016 zum 7. Mal. George versucht, Lhakpa zurückzugewinnen. Doch Lhakpa will nicht mehr zurück. „Ich wollte nicht durch die Hand dieses Mannes sterben. Ich will in Frieden auf dem Berg sterben“.  

Mountain Queen

2022 erklimmt Lhakpa den Mount Everest zum zehnten Mal und lässt ihre Dunkelheit hinter sich. Sie finanziert die Rekord-Besteigung mit einer Crowdfunding-Kampagne und wird von einem Film-Team begleitet. Unter der Regie von Lucy Walker entsteht der Dokumentarfilm Mountain Queen: The Summits of Lhakpa Sherpa. Mit der Aktion möchte Lhakpa andere Frauen inspirieren, ihnen demonstrieren, zu was sie im Stande sind, und ihren Töchtern zeigen, wie man tapfer ist – „Frauen dürfen nicht aufgeben“. Im Juli 2023 besteigt Lhakpa den K2 erfolgreich.

Lhakpa ist eine von vielen Bergsteigerinnen verschiedenster Ethnien, die aussergewöhnliche Erfolge am Berg erzielen mit inspirierenden und grossartigen Geschichten. Vergangenen Sommer besteigt die Sherpani den Mount Everest zum 11. Mal.

Warum nicht ich?

Drei Frauen, drei Geschichten und jede Menge Inspiration. Sie verschieben Grenzen und gehen ihren eigenen Weg. Vielleicht bleibt auch bei euch die Frage hängen: „Warum nicht ich?“

 

Quellenverzeichnis

Film

Walker, Lucy (Regie): Mountain Queen: The Summits of Lhakpa Sherpa. USA 2023. Netflix, veröffentlicht am 31. Juli 2024. Netflix

Webseiten und Artikel

Wikipedia: „Lhakpa Sherpa“. In: Wikipedia – Die freie Enzyklopädie. https://de.wikipedia.org/wiki/Lhakpa_Sherpa
Abruf: 21. September 2026.

Alpin: „Artikel Via Alpina: Ultraläuferin Sophie Woods stellt neue Bestzeit auf“. Alpin.
https://www.alpin.de/home/news/64211/artikel_via_alpina__ultralaeuferin_sophie_woods_stellt_neue_bestzeit_auf.html
Abruf: 21. September 2026.

Wikipedia: „Rachel Entrekin“. In: Wikipedia – The Free Encyclopedia. https://en.wikipedia.org/wiki/Rachel_Entrekin
Abruf: 21. September 2026.

Entrekin, Rachel: „Incredibly Admirable and Confusing“. Rachel Entrekin / Substack.
https://rachelentrekin.substack.com/p/extremely-admirable-and-confusing
Abruf: 21. September 2026.

Aravaipa Running: „Cocodona 250“. https://www.aravaiparunning.com/cocodona/
Abruf: 21. September 2026.

Interviews/ Videos

Singletrack: „Sophie Woods Via Alpina FKT“ [Interview]. YouTube. https://youtu.be/ucQrl6OEals?si=J5m-7yJRxXtuaNu9
Abruf: 21. September 2026.

BBC: „Ultra Marathon record done by Sophie Woods over the Alps“ [Interview]. YouTube, 2. August 2026. https://youtu.be/hgQYJA1jksg?si=bRbv8fEotfP_0hHx
Abruf: 21. September 2026.

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Die Menschen hinter dem Artikel

  • Geschrieben von

    Leandra Stengele

    Rosen sind rot, Veilchen sind blau, liegt Powder, bin ich weg - ciao ciao. In der Metropole der Schweiz aufgewachsen, hat es mich in den letzten Jahren immer wieder an neue Orte verschlagen, wo ich mich gerne von neuen Erfahrungen und Begegnungen inspirieren lasse. Von Musik und Tanzen über Kultur und Eisbaden bis hin zu neuen Sportarten. Schlussendlich finde ich jedoch immer meinen Weg nach draussen und in die Höhe. Dabei begleitet mich meine Begeisterung für die Naturwissenschaften, die ich durch mein Studium der Erdsystem- und Klimawissenschaften laufend mit neuem Wissen füttere.

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