Schnell wird die öffentliche Anreise recherchiert und eine Ferienwohnung für eine Nacht organisiert. Die Vorfreude war so beinahe noch größer, wenn völlig unerwartet ein (anderes) persönliches Ziel zur Umsetzung kommt. Als besonderes Zuckerl sind die öffentlichen Verkehrsmittel bei einer Übernachtung in Südtirol bereits bei der Anreise umsonst (siehe Tipps unten). Der gelungene Trip sorgt gleich zu Beginn des Experiments dafür, dass ich das Fehlen des Autos nicht als Einschränkung, sondern in diesem Fall sogar als bereichernd empfinde: nicht nur finanziell, sondern auch die frei verfügbare Zeit, in der ich auf der Rückfahrt in Ruhe an der Routenbeschreibung der unveröffentlichten Klettertour feilen kann.
Ein Zwischenfazit und ein ungewisser Blick auf die Frühjahrssaison
Und wie sieht die Sache beim Skitourengehen in der kalten Jahreszeit aus, wo man meist mit schwerer Ausrüstung unterwegs ist und die Verbindungen des öffentlichen Verkehrs womöglich eingeschränkter bestehen etc.?
Nach drei Monaten Skitourensaison und knapp 30 Tourentagen kann ich auf jeden Fall festhalten, dass ich dadurch nicht seltener als vorher auf Skitour komme, wobei ich bereits vorher – wenn möglich – versucht habe, mit Öffis unterwegs zu sein. Ansonsten konnte ich bei anderen mitfahren. Zudem habe ich mir bis jetzt einmal ein Auto bei einem Freund ausgeliehen und zweimal Carsharing ausprobiert. Meist habe ich eine Möglichkeit gefunden, an den gewünschten Ort zu gelangen, oder es ließ sich eine an die Rahmenbedingungen angepasste Ausweichtour planen.
Das heißt nicht, dass immer alles einfach ging oder glatt lief. Generell verlangt die Mobilität mehr Planung und Aufmerksamkeit, als wenn das eigene Auto fahrbereit in der Garage stünde. Mühsame Situationen gibt es natürlich so einige, in denen ich auch mal daran zweifele, auf Dauer ohne Auto zu leben: Wenn man wieder mal unnötig früh aufstehen muss, um die einzige sinnvolle Busverbindung am Vormittag zum Ausgangspunkt zu erwischen; wenn man bei Minusgraden an der schattig kalten Haltestelle im Nirgendwo auf den nächsten Bus warten muss anstatt gleich ins Auto zu steigen und die Sitzheizung betätigen zu können; wenn man sich ausrechnet, wie schnell man mit eigenem Auto daheim wäre, anstatt mehrmals umsteigen zu müssen; wenn man nach der Tour gerade in ein „Loch“ im Busfahrplan gerät, nur Trampen eine Option ist, man mitleidige Blicke der vorbeifahrenden Autofahrer:innen erntet und in der Ungewissheit bleibt, wie lange man dort wohl stehen muss; mit dem Auto eines Freundes zu fahren und aufgrund der ungewohnten Ausmaße Sorge haben, irgendwo anzustoßen und ihm Scherereien zu machen; dass gerade bei dem Mal, bei dem ich mit dem Auto des Freundes unterwegs bin, scheinbar die Schließanlage kaputt geht und ich das Auto offen am Parkplatz stehen lassen muss (hat sich im Nachhinein nur als Anwendungsfehler herausgestellt); wenn man sich erst zu spät festlegt und alle Autos beim Carsharing belegt sind und von der anvisierten Tour ablassen muss; wenn das Carsharing-Auto keinen Eiskratzer hat.
Diesen Momentaufnahmen stehen auch grundlegende, positive Empfindungen gegenüber: sich nicht mehr um das Auto kümmern zu müssen (tanken, Reifen wechseln, Frostschutzmittel nachfüllen, reinigen etc.); keine Sorgen zu haben, dass etwas am Auto kaputtgeht, ungeplante Reparaturen anstehen und man selbst dafür verantwortlich ist; oder Geld zu sparen (siehe Tipps unten). Häufig entstehen Touren ohne Auto mit besonders hohem Gesamterlebnis. Und es ist ein gutes Gefühl, nach den eigenen Überzeugungen zu leben und einen Beitrag zum Umweltschutz zu leisten.
Derzeit halte ich an der Entscheidung „autofrei“ fest. Denn ich finde den Prozess spannend, wenn man die Rahmenbedingung „kein eigenes Auto“ als gesetzt ansieht und sich ausgehend davon mit Mobilitätsoptionen auseinandersetzt, die man vorher nicht in Betracht gezogen oder noch gar nicht gekannt hat. Der Weg entsteht quasi im Gehen, indem man Neues kennenlernt und ausprobiert, und nebenbei gewinnt man neue (Lebens) Erfahrungen.
Ein gut ausgebautes, preiswertes Carsharing-Angebot, sodass man in angemessener Gehdistanz am nächsten Auto ist, wäre für mich eine entscheidende Entwicklung. Zugegebenermaßen sehe ich der Frühjahrskitourensaison nämlich ohne eigenes Auto skeptisch entgegen. Dann sind viele Skibuslinien bereits eingestellt und generell höher gelegene Parkplätze attraktiv, die nicht vom öffentlichen Verkehr erschlossen sind, man kann mit Öffis nicht ausreichend früh am Ausgangspunkt sein und ein Carsharing-Auto am Morgen abholen ist mit noch früherem Aufstehen verbunden als eh schon nötig (man will ja nicht für die Nacht zahlen!). Der Selbstversuch geht also weiter – mit offenem Ausgang.