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Schnee von morgen

Schnee von Morgen | Leben am Limit

Weshalb sogar der unwirtlichste Ort am Berg ein schützenswerter Lebensraum ist

03.02.2026
Deniz Branke Birgit Kantner (ÖAV)
Bei unseren Bergabenteuern führen uns die Hochtouren – im Sommer wie im Winter – immer wieder in die eisigen, dauerhaft von Schnee bedeckten Gletscherregionen. Nach der Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie (FFH-Richtlinie) zählen diese Bereiche zum Lebensraumtyp 8240 „Permanente Gletscher“, der kurz als „ständig von Schnee oder Eis bedeckte hochalpine Zonen“ beschrieben wird. Ein äußerst unwirtlicher Ort – und doch können wir hier durchaus von einem Lebensraum sprechen.

Trotz Temperaturen weit unter dem Gefrierpunkt, hoher UV-Strahlung und nahezu völliger Nährstoffarmut existiert hier ein hochspezialisierter Lebensraum. Schneealgen, einzellige Mikroorganismen, Bakterien, Flechten und sogar winzige Tiere wie Bärtierchen haben Strategien entwickelt, um unter Bedingungen zu überleben, die für fast alle anderen Organismen tödlich wären.

Das „Ewige Eis“ ist somit kein lebloser Ort, sondern ein faszinierender Beweis für die Anpassungsfähigkeit des Lebens. Gleichzeitig ist es ein empfindlicher Lebensraum, der durch den fortschreitenden Gletscherrückgang in den Alpen zunehmend unter Druck gerät. Aus diesem Grund soll im folgenden Artikel auf diese besonderen Lebewesen aufmerksam gemacht werden, um ein Verständnis dafür zu schaffen, weshalb der Erhalt ihres Lebensraums, der Gletscher, so schützenswert ist!

Alpines Bärtierchen

Sie überstehen extreme Kälte, Trockenperioden und sogar den Weltraum: Bärtierchen, oder auch Tardigraden genannt, wirken mit ihrem pummeligen Körperbau fast wie winzige Plüschtiere, gehören aber zu den widerstandfähigsten Organismen auf der Erde.

Mit einer Größe von nur ca. 0,2 bis 0,5 mm leben sie nahezu überall: in Waldmoosen, in unseren Regenrinnen, in Süß- und Salzwasser - und sogar in alpinen Gletschern. Sie sind wahre Überlebenskünstler! Die ersten Hinweise auf diesen urtümlichen Tierstamm in Österreich stammen von Ehrenberg (1853), der hochalpine Mikroorganismen erforschte. Seit dem wurden rund 120 Tardigraden-Arten beschrieben. In den Alpen besiedeln speziell angepasste Tardigraden das Hochgebirge und leben dort in kleinen Schmelzlöchern an der Eisoberfläche.

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Ihre außergewöhnliche Widerstandsfähigkeit verdanken sie dem hohen Zuckergehalt in ihrer Körperflüssigkeit. Dieser schützt sie vor Frost, und spezielle Proteine verhindern die Bildung von Eiskristallen in den Zellen. Bei großer Kälte ziehen sie ihre Extremitäten ein und bilden ein sogenanntes „Tönnchen“, einen eingekugelten, zystenförmigen Zustand. In dieser Form überstehen sie Extremtemperaturen von bis zu -270 °C. Mit dem fortschreitenden Abschmelzen alpiner Gletscher halten es Forscher für möglich, dass einige hochspezialisierte, gletscherbewohnende Bärentierchen in Zukunft aussterben könnten.

Blutschnee

Wer im Gebirge unterwegs ist, der kann im Frühjahr und Sommer schonmal auf rot gefärbte Schneefelder stoßen, was des Öfteren für Verwunderung sorgt. Verantwortlich dafür ist die Organismusgruppe der Algen. Sie sind überwiegend nur mit dem Mikroskop sichtbar und gedeihen nicht nur in Seen, sondern auch im Schnee. Von den rund 350 bekannten Schneealgenarten Arten ist die weit verbreitete Grünalge Chlamydomonas nivalis besonders auffällig.

Während der Wintermonate ruht sie in Form von roten Sporen unter dem Schnee. Mit Beginn der Schneeschmelze steigt die Konzentration der Sporen an der Oberfläche, wodurch die charakteristische rötliche Färbung der Schneedecke entsteht. Über das Schmelzwasser gelangen die Sporen schließlich in den Boden, wo sie die kalte Jahreszeit überdauern, bereit, im kommenden Frühjahr erneut ihren Lebenszyklus zu beginnen. Um sich zu vermehren, brauchen sie lediglich Licht, Wasser und Kohlendioxid aus der Atmosphäre, ein echter Überlebenskünstler also. 2019 wurde die Alge sogar zur Alge des Jahres gewählt.

Bereits 1818 sorgte das Phänomen für Staunen: Als britische Seeleute auf der Suche nach einer Norwestpassage entlang der Küsten der Baffins Bay auf Grönland segelten, berichteten sie von Schneefeldern in „dunkler Karmesinfarbe“. Kapitän John Ross beschrieb, der Schnee sei „bis zu einer Tiefe von 10 bis 12 Fuß von dem gefärbten Stoff durchdrungen“ gewesen. Unter dem Mikroskop fanden die Offiziere dunkelrote, samenkornartige Gebilde und vermuteten dahinter ein „vegetabilisches Produkt“. Heute wissen wir: Die rote Färbung stammt von der Schneealge Chlamydomonas nivalis.

Gletscherfloh

Ein ganzjähriger Bewohner des als extrem unwirtlich einzustufenden Lebensraums „Gletscher“ ist der lediglich etwa 2 mm große Gletscherfloh (Collembola). Diese dunkel pigmentierten, hochangepassten Organismen sind auf dem hellen Schnee- und Eisuntergrund häufig sichtbar und erinnern bei flüchtigem Hinsehen an Sandkörner. Die umgangssprachliche Bezeichnung „Gletscherfloh“ leitet sich von ihrem charakteristischen, sprunghaften Fluchtverhalten ab; systematisch gehören sie jedoch zur Ordnung der Springschwänze und damit zu den Insekten. Um dauerhaft in der kryogenen Umgebung von Eis und Schnee existieren zu können, hat der Gletscherfloh eine Reihe spezialisierter physiologischer und verhaltensbiologischer Anpassungen entwickelt. So verhindern eingelagerte Zucker- und Alkoholverbindungen – ein natürliches „Frostschutzmittel“ – das Gefrieren der Körperflüssigkeiten, sodass die Tiere auch Temperaturen deutlich unterhalb des Gefrierpunktes tolerieren können.

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Die nach vorne klappbare Sprunggabel (Furca) ermöglicht ihnen darüber hinaus eine ruckartige Fortbewegung, mit der sie sich effizient aus potenziell gefährlichen Situationen katapultieren können. Dieses Verhalten dient sowohl der Flucht vor Prädatoren als auch dem raschen Verlassen von Bereichen mit plötzlich einsetzendem Schmelzwasser. Sollten die Tiere dennoch vom Schmelzwasser erfasst werden, können sie aufgrund ihrer hydrophoben Körperoberfläche kurzzeitig in einer von ihrer Cuticula festgehaltenen Luftblase überdauern oder sich an der Wasseroberfläche halten. Die dunkle Körperfärbung bietet zudem einen effektiven Schutz vor der intensiven UV-Strahlung im hochalpinen und glazialen Umfeld. Problematisch wird die Situation für den Gletscherfloh jedoch durch den Rückzug der Gletscherlebensräume. Das Verschwinden dieser extremen Habitate würde langfristig auch das Aussterben dieser hochspezialisierten Art nach sich ziehen.

Gletscherweberknecht

Nicht direkt auf dem blanken Eis, sondern in den Schutt- und Geröllflächen der Gletscherrückzugsgebiete lebt der Gletscherweberknecht – ein echter Alpenendemit. Endemiten sind Tier- und Pflanzenarten, die ausschließlich in einem sehr kleinen, geografisch begrenzten Gebiet vorkommen und nirgendwo anders auf der Welt zu finden sind. Im Fall des Gletscherweberknechtes handelt es sich um den Lebensraum “Alpen”; der Gletscherweberknecht besiedelt somit nur die Alpen. Er kommt ausschließlich oberhalb der Baumgrenze vor und wurde bis in Höhen von 3.600 Metern nachgewiesen.

Als Vertreter der Spinnentiere ist er vor allem in der Dämmerung und nachts aktiv und außergewöhnlich gut an die extremen Bedingungen des Hochgebirges angepasst. Ähnlich wie der Gletscherfloh verfügt er über eine Art biologisches „Frostschutzmittel“ in seinem Körper, das das Gefrieren seiner Zellen verhindert. Dadurch übersteht er Temperaturen von minus 20 Grad und darunter, und selbst seine Enzyme bleiben bei eisiger Kälte funktionsfähig.

Erwachsene Tiere erscheinen im kurzen Alpensommer und verharren in Frostnächten in einer Kältestarre. Sie können sogar vollständig ins Eis einfrieren und ihre Aktivität fortsetzen, sobald sie wieder auftauen. Ein besonders erstaunlicher Fakt: Der Gletscherweberknecht orientiert sich vermutlich unter anderem am Temperaturgefälle im Geröll, um geeignete Verstecke zu finden – eine Fähigkeit, die ihm hilft, selbst kleinste wärmere Nischen im Eisumfeld aufzuspüren.

Doch sein Überleben wird zunehmend schwieriger. Mit dem fortschreitenden Rückzug der Gletscher infolge der Klimaerwärmung verschwinden auch jene kühlen Lebensräume, an die er perfekt angepasst ist. In den Hochlagen bleibt ihm kaum Raum, um weiter nach oben auszuweichen – sein Lebensraum schrumpft buchstäblich mit jedem Jahr.

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