Ihr hattet einen krassen Spaltensturz auf dem Kahuiltna-Gletscher. Was ist da passiert?
Zuerst bin ich in eine Gletscherspalte gefallen – allerdings keine besonders tiefe. Ich stand da, fröstelte und sagte: „Okay, Leute, bitte helft mir.“ Die anderen kamen mit ihren Schlitten auf mich zu. Plötzlich brach eine Schneebrücke unter ihnen zusammen. Sie sind etwa sieben Meter tief gefallen, zusammen mit den Schlitten. Sie hatten unglaubliches Glück. Die Brücke brach unter ihnen vollständig zusammen und bildete eine Art Schneekissen. Darauf sind sie gestürzt, die Schlitten zum Glück neben ihnen. Wäre ein Schlitten auf jemanden gefallen, wäre das vermutlich tödlich ausgegangen…. Gleich nach der Bergung kam ein Sturm auf - wir saßen vier Tage lang im Zelt fest. Nach diesem Schockerlebnis gingen wir immer am Seil, wenn wir uns auf einem Gletscher bewegt haben. Manchmal sind wir auch Umwege gegangen, um Séracs oder Spalten zu umgehen – auch wenn wir dafür ein paar Stunden länger unterwegs waren.
Im Rückblick: Auf fünfzig Tage gerechnet, an wieviel Tagen seid Ihr ein Risiko eingegangen, dass du außerhalb einer Expedition sonst nicht eingehen würdest?
Ich würde sagen, dass wir an drei, vier Tagen wirklich an und über die Grenze gegangen sind. Den Rest der Zeit waren wir regulär vorsichtig.
Wie würdest du euer Team im Nachhinein charakterisieren?
Wir haben als Team wirklich gut funktioniert – die Auseinandersetzung vor dem Mount Foraker war eine Ausnahme. Wir haben uns gut ergänzt. In einem guten Team hat man immer unterschiedliche Fähigkeiten, selbst wenn die Gruppe ziemlich homogen ist. Christophe und Aurélien zum Beispiel sind bessere Skifahrer als ich und Hélias. Sie waren oft vorne und haben in technisch schwierigem Gelände die Linie gefunden. Die beiden wiederum vertrauten Hélias und mir bei der Routenwahl im Großen und der Logistik, weil wir beide schon mal in Alaska gewesen waren. Und dann ist da noch Hélias mit seiner enormen Erfahrung im Himalaya und an ganz hohen Bergen – Nuptse, Nanga Parbat etc.. Er ist mental einfach sehr, sehr stark. Manchmal vielleicht sogar zu stark. Lachen.
Spielt das Alter in einer solchen Gruppe auch eine Rolle?
Klar. Man kann in unserem Team zwei Generationen erkennen. Nehmen wir Aurélien: Er kommt eher aus der Freeride-Kultur, ist mit den sozialen Medien aufgewachsen. Ich dagegen komme aus einer älteren Tradition, schaue vielleicht mehr in die Vergangenheit, zu den Pionieren. Das ist eine interessante und inspirierende Konstellation – die manchmal auch bedeutet, dass man die Berge und ihre Risiken unterschiedlich erlebt. Und dass man vielleicht auch eine andere Art hat, mit der Öffentlichkeit umzugehen.
Von euch vieren scheinst du derjenige zu sein, der sich am meisten für Bücher und Filme interessiert. Jemand hat dich einmal als „Dichter und Alpinist“ und als Auteur-Alpinist beschrieben. Siehst du dich so?
Nein, ich würde mich nicht als Autor-Alpinist bezeichnen und ich bin definitiv kein Dichter. Ich versuche nur schreibend und filmend die Geschichten zu erzählen, die wir in den Bergen erleben. Vor allem die psychologische Seite davon. Außerdem schaue ich mir – wie ich schon erwähnt habe – gerne an, was die Pioniere vor uns getan haben. Und genauso gern stelle ich mir die Zukunft der Berge vor.
Was hat dieses Interesse an den Pionieren geweckt?
Wenn man in Chamonix aufwächst und Ski fährt, klettert und fliegt, ist man ständig mit den Meistern dieser Disziplinen konfrontiert. Die Orte, an denen ich jeden Tag Ski fahre, klettere oder fliege, sind dieselben Orte, an denen diese Pioniere trainiert haben. Dieses Erbe kann schwer wiegen, aber es ist auch sehr inspirierend. Es bringt einen auch dazu, darüber nachzudenken, wie man verschiedene Werkzeuge und Disziplinen miteinander kombinieren kann. Heute erleben wir ja die spannendsten Kombinationen - Alpinismus und Gleitschirmfliegen, Basejumping und alle möglichen Multisport-Ansätzen. Solche Kombinationen haben mich schon immer zum Träumen gebracht. Deswegen ist auch diese Alaskaexpedition ein Ergebnis dieses Erbes.