Zum Inhalt springen

Cookies 🍪

Diese Website verwendet Cookies, die Ihre Zustimmung brauchen.

Details finden Sie in unserer Datenschutzerklärung

Zur Powderguide-Startseite Zur Powderguide-Startseite
Interviews

PowderPeople | Alexandre Marchesseau - Teil II

Überleben bei –40 °C: Technik, Taktik und ein Hauch von Glitzer

14.04.2026
Claus Lochbihler
Das Risiko im Kopf ist das eine – doch wie überlebt man konkret bei –40 °C, wenn selbst der Gang vor das Zelt zur Miniexpedition wird? Erfahre im zweiten Teil, warum Alexandre Marchesseau für diese Reise seine geliebten Monoski opferte, wie man nach Wochen im Eis in einen fast animalischen Instinkt-Zustand eintaucht und warum hartgesottene Alpinisten an Gipfeltagen Karaoke-Glitzer auftragen.

Pinkeln als Miniexpedition

Claus Lochbihler: Lass uns ein bisschen über die Bedingungen und eure Ausrüstung sprechen. Was war der kälteste Teil der Expedition und wie seid ihr mit der Kälte klargekommen?

Alexandre Marchesseau: Am kältesten war es am Kahiltna Pass und auch am Denali. Am Tag von unserem Gletscherspaltensturz hatte es mindestens –20 °C und dazu wehte ein starker Wind. Aber das Schlimmste waren die vier Sturmtage im Zelt. Mit Windchill fühlte es sich wie –40 °C an. Einmal am Tag nach draußen zu gehen, nur um zu pinkeln, war wie eine Mini-Expedition. Man hat alle Schichten angezogen, alle Handschuhe und die Skibrille. Einer hat dir dann das Zelt aufgemacht, du bist ganz schnell herausgesprungen, hast dein Geschäft verrichtet, bist wieder ins Zelt hinein und die anderen haben dir dann geholfen, wieder warm zu werden.

Sind eure Skischuhe jemals trocken geworden?

Man versucht es, aber ab einem bestimmten Punkt bleiben sie einfach feucht. Man ist schon froh, wenn sie wenigstens warm sind und nicht gefrieren. Die beste Methode ist, die Innenschuhe und Socken immer am Körper warm zu halten – die Innenschuhe also nie auszuziehen. Ich hatte zwei Paar Merinosocken dabei. Ein dickeres und ein dünneres. Ein Paar an den Füßen, das andere zum Trocknen unter den Achselhöhlen – dem wärmsten Ort deines Körpers. Für die Nacht wechselt man dann die nassen Socken gegen die einigermaßen trockenen.

Ganz wichtig: ein kleines Handtuch, um Feuchtigkeit abzuwischen. Im Schlafsack bleiben die Innenschuhe warm. Wenn die Socken an den Füßen zu nass werden, wechselt man wieder die Socken. Das hat überraschend gut funktioniert. Wenn man in den Skitourenschuhen die Einlegesohle herausnimmt, hat man mehr Platz im Schuh, was ebenfalls für wärmere Füße sorgt. Wir haben uns Teile von einer Rettungsdecke ausgeschnitten und unter die Füße gelegt – das wärmt besser als normale Einlegesohlen im Skischuh.

Habt Ihr Standard-Innenschuhe verwendet oder andere?

Innenschuhe von Zipfit. Die sind wärmer und haltbarer als die Standard-Liner der Hersteller.

Du bist ein leidenschaftlicher Monoski-Fahrer. Zuletzt sogar bei der Mount Logan-Expedition, mit für den Aufstieg teilbaren Monoski. Nur diesmal nicht. Weshalb?

Es war das erste Mal seit 15 Jahren, dass ich meine Monoski nicht auf Expedition mitgenommen habe. Normalerweise fahre ich immer Mono. Aber am Mount Logan habe ich gemerkt, dass sie auf einer so langen Durchquerung extrem anstrengend sind. Und in sehr steilen Hängen gehst du auf einem Monoski mit schwerem Rucksack sehr viel mehr Risiko ein als mit normalen Ski. Also habe ich diesmal darauf verzichtet.

Mit welchen Ski warst du unterwegs?

Ich habe einen Freund, der im Chamonix-Tal Ski baut. Er heißt Jonno Jacobs. Er kommt ursprünglich aus Südafrika und ist vor, ich weiß nicht, 15 oder 20 Jahren nach Chamonix gekommen – als junger Skibum. Das erste Mal habe ich ihn in einem Couloir an der Nordwand der Aiguille du Midi getroffen. Wir waren beide damals vielleicht 18. Es war Mai. Er ist sehr direkt eingefahren und hat uns total eingeschneit. Ich war ganz schön sauer, weil es sehr ausgesetzt war. Wir waren jung und ein bisschen – ich sag mal – ‚territorial‘ in unserem Denken. Ich hab ihn richtig angefahren: ‚Was machst du hier überhaupt? Du weißt doch gar nicht, wie man hier Ski fährt.‘

Dabei war er ein wirklich guter Skifahrer. Später haben wir uns in einer Bar wieder getroffen. Er kam zu mir und hat sich entschuldigt. Zehn Jahre später hat er angefangen, Ski zu bauen. Also bin ich vor Alaska zu ihm gegangen und habe gesagt: Ich brauche etwas ganz Spezifisches für diese Expedition. Etwas sehr schmales, nicht mehr als 77 oder 80 mm Mittelbreite. Und so leicht wie möglich ­– aber trotzdem noch gut fahrbar. Er hat mir genau diese Ski gebaut: mit einem guten Shape und schönem Design. Sie sind aus Bambus und deswegen extrem leicht.

Definitiv keine Pulverski….

…. aber genau das Richtige für den Schnee, mit dem wir gerechnet haben: harten, windgepressten Schnee, weil es zu der Zeit in Alaska, zu der wir unterwegs waren, einfach sehr, sehr windig ist. Die Winterstürme blasen den Schnee einfach davon. Wir waren sehr früh in der Saison unterwegs. Erst später im Frühjahr hat es dort weniger Wind und der Schnee ist wärmer und feuchter. Dann bleibt er auf dem Eis haften – erst dann herrschen dort gute Skibedingungen.

Warum wart ihr so früh unterwegs?

Normalerweise beginnt die Denali-Saison Ende Mai oder Anfang Juni. Wir waren schon im April dort. Wir mussten die Expedition so früh unternehmen, weil wir zu Beginn der Expedition einen großen Fluss überqueren mussten und er dafür zugefroren sein musste. Das war der entscheidende Grund für unser Timing.

Hattet ihr Ausrüstung dabei, die versagt hat?

Nicht wirklich. Dank unserer vorherigen Alaska-Erfahrung wussten wir, was funktioniert. Das meiste hat einwandfrei hingehauen. Das Hauptproblem waren die Kamera-Akkus. Wir haben zwei Sony A7S-Kameras verwendet – hervorragend bei schlechten Lichtverhältnissen, aber miserabel bei Kälte. Ich hatte 14 Akkus dabei. Fünf davon habe ich immer unter meiner Unterwäsche getragen, um sie warm zu halten. Trotzdem kann es passieren, dass man einen zu hundert Prozent geladenen Akku einlegt, auf Aufnahme drückt und der Akku innerhalb von wenigen Sekunden tot ist. Das Metallgehäuse wirkt leider wie ein Kühlschrank. Ich suche immer noch nach Kameras, die bei extremer Kälte besser funktionieren.

Wie hat das Laden mit Solarenergie funktioniert?

Wir hatten ein sehr gutes System. Selbst bei bewölktem Wetter bekommt man damit noch etwas Ladung. Wir haben eine mittelgroße Zwischenbatterie verwendet, die wir ständig geladen und als Puffer verwendet haben. Wir hatten so viele Geräte dabei: zwei Sony-Kameras, zwei GoPros, zwei Insta360s, zwei Drohnen, Sattelitentelefone und eine analoge Kamera. Redundanz ist entscheidend. Der einzige echte Ausfall war eine große Mietkamera, die beim Rafting Wasser abbekommen hat. Zum Glück war sie versichert.

„Allein stirbt man, als Gruppe überlebt man“

Vorhin hast du gesagt, dass dich die Psychologie von Menschen auf Expedition besonders interessierst. Wie würdest du beschreiben, was diese lange Expedition psychologisch und mental mit euch angestellt hat?

Eine ganze Menge. In der Höhe beispielsweise, wenn man sich einmal akklimatisiert hat, verändert sich die Wahrnehmung – fast wie bei einer Meditation. Das gemeinsam mit guten Freunden beim Skifahren zu erleben, ist eine der stärksten Erfahrungen, die ich kenne. Man kann in schwierigen Situationen, in denen man absolut konzentriert und voll engagiert sein muss, auch eine Art Flow erleben – wir nennen das den „mystischen Modus“. Und das, was nur bei einer so langen und extremen Expedition passiert, hat vor allem mit den Instinkten zu tun: Man entdeckt Instinkte wieder, die das moderne Leben unterdrückt. Man verbindet sich auf fast animalische und archaische Weise mit allen Sinnen, die man im modernen Alltag nur reduziert benutzt – Geruch, Gehör, Wahrnehmung.

Kannst du ein Beispiel nennen?

Als wir Schnee und Eis hinter uns gelassen hatten und den Weg durch Moränen und dieses fürchterlich dichte Buschwerk finden mussten, sind wir schmalen Tierpfaden gefolgt - und derjenige von uns, der vornewegging, hat nie eine falsche Wahl getroffen. Nach 40 Tagen in der Wildnis bin ich überzeugt, dass wir unbewusst tiefere Instinkte nutzten – vielleicht folgten wir sogar Pheromonspuren. Wie Tiere. Das mag seltsam klingen, aber so hat sich das für mich angefühlt. Man lernt bei einer so langen Expedition auch, als Gruppe zu funktionieren, um zu überleben. Zum Beispiel Wasser: Zu Hause dreht man den Wasserhahn auf, aber in Alaska muss man für jeden Tropfen Flüssigkeit, aufwändig Schnee schmelzen. Also überlegt man zweimal, wie man das am effektivsten hinbekommt, wie man sich aufteilt. Man kooperiert, weil man weiß: Allein stirbt man, als Gruppe überlebt man.

Also Instinkt plus Drohnen?

Genau. Uralte, wieder erwachte Instinkt plus moderne Technik. Das ist unser Stil. Lachen.

Und wenn du die übliche Terminologie verwendest, wie würde da euer Stil heißen?

 „Alpine Pioneer Style”: eine Mischung aus alpinem Stil – leicht, schnell, ohne Fixseile oder Lager – und dem Stil der Polarexpeditionen, wie bei Amundsen oder Shackleton, bei denen man mit schwerem Gepäck und völlig auf sich selbst gestellt riesige Strecken zurückgelegt hat.

„Man fühlt sich plötzlich überall zu Hause“

Kilian Jornet hat einmal gesagt, dass er bei wirklich langen Projekten nicht nur Landschaften durchquert, sondern auch innere Landschaften – psychologisch-emotionale Landschaften, die sich aus Gefühlen und sehr intensiven Emotionen auftürmen. Erlebst du das ähnlich?

Ja, auf jeden Fall. Ich würde es als eine Art Flow beschreiben, den man aber nur nach einer guten Akklimatisierung erreicht – einer Akklimatisierung, die sowohl physiologisch wie mental verläuft. Wenn man dieses Anpassungsniveau erreicht, kehrt man wirklich in die Natur zurück.

Wie fühlt sich das an?

Man fühlt sich auf einmal überall wohl und zu Hause – egal wie hart die Bedingungen sind. Wenn man sich überall wohlfühlt, ist man glücklich, genau dort zu sein, wo man ist. Man fühlt sich als Teil des Universums. Dazu kommen die Müdigkeit und die Freude, die man mit Freunden teilt – für mich ist das eine der höchsten Formen des Glücks, die man erleben kann.

Sind solche Gefühle oder mentalen Zustände mit einer Drogenerfahrung vergleichbar?

Ja, schon. Und es kann auch schwierig sein, damit umzugehen, wenn man wieder in der Zivilisation ist. Das zeigt sich in den persönlichen Geschichten einiger Top-Himalaya-Bergsteiger, die sehr intensive Erfahrungen in der Höhe gemacht haben. Wenn sie später – aufgrund von Verletzungen oder Lebensumständen, was auch immer – nicht mehr so extrem und in großen Höhen bergsteigen können, suchen einige von ihnen nach anderen „Drogen”: Alkohol, Substanzen, zwanghaftes Verhalten. Endorphine, Adrenalin – man kann danach süchtig werden.

Es gibt einen Dokumentarfilm mit dem Titel „On ne marche qu’une fois sur la lune“ – „Man geht nur einmal auf den Mond“. Darin wird der Schweizer Extrembergsteiger Ueli Steck porträtiert, unter anderem im Kontext seiner umstrittenen Solo-Begehung der Annapurna-Südwand.

Der Filmtitel ist sehr treffend. Solche und andere Projekte haben etwas Einmaliges, fast Endgültiges. Wie eine Mondlandung. Man kann sie nicht einfach wiederholen.

Und genau darin liegt auch eine gewisse Schwierigkeit. Nach einer solchen Erfahrung – körperlich, mental, emotional – ist es nicht leicht, wieder in den Alltag zurückzufinden. Man hat alles investiert, alles darauf ausgerichtet. Und danach fehlt oft ein Ziel, das eine ähnliche Bedeutung oder Intensität besitzt.

Einige Alpinisten beschreiben diesen Moment als eine Art Leere. In manchen Fällen kann daraus auch eine depressive Phase entstehen, weil nichts mehr an die Intensität dieser Erfahrung heranreicht.

Wie gehst du persönlich mit diesem Wechsel zwischen Expedition und Zivilisationsalltag um?

Lange, langsame und schwierige Expeditionen machen mich ausgeglichen. Sie verbinden mich mit Grunderfahrungen des Menschseins – Zusammenarbeit, Aufmerksamkeit, Präsenz. Das hilft mir, mit den Widersprüchen umzugehen, die dich zu Hause überfallen: Klimawandel, verschwindende Gletscher, der wirtschaftliche Druck in einem Ort wie Chamonix, stetig wachsende Tourismusinfrastruktur bei gleichzeitigem Rückgang der Natur. Die Rückkehr zu diesem sehr einfachen Zustand – Menschen, die gemeinsam überleben – ist für mich sehr wertvoll.

Wenn der Kopf noch in Alaska ist

Aurélien Lardy allerdings hat sechs Monate gebraucht, um wieder im normalen Leben anzukommen.

Ich kenne das von der vorherigen Expedition. Diesmal ging es mir allerdings überhaupt nicht so. Vielleicht, weil ich es schon einmal durchgemacht habe. Und weil ich wusste, dass man sich Zeit geben muss, um wieder zu Hause anzukommen. Aber nach der Mount Logan-Expedition war es bei mir definitiv so wie bei Aurélien. Du denkst nach der Rückkehr, dass alles eigentlich okay ist und dass du mental längst wieder zu Hause angekommen bist. Aber dann merkst du in kleinen, alltäglichen Situationen, dass es eben nicht so ist. Du gehst zum Beispiel auf eine Party mit vielen Leuten, alle haben Spaß – und du merkst auf einmal, dass du eigentlich gar nicht richtig dabei bist, weil du doch irgendwie noch halb in Alaska bist.

Woran liegt das?

Solche Expeditionen ziehen dir die sozialen Schichten ab, die wir alle entwickelt haben, um im Alltag bestehen zu können. Wenn du dann zurückkommst, ist es schwer, diesen Panzer aus Konventionen wieder anzulegen. Das braucht einfach Zeit.

Einmal musstest du während der Expedition weinen. Wegen eines Lieds.

Nach der Rückkehr vom Denali saßen wir im Zelt, haben in die Landschaft geschaut und den Moment genossen. Auf einmal sagt Hélias: „Alex, ich habe ein Lied für dich. Das ist deine Geschichte.“ Und dann spielte er Marie von Lily Claire. Ich kannte das Lied nicht, aber Hélias, weil er französische, manchmal sogar etwas kitschige Chansons liebt. Marie heißt meine Freundin, die ich zu der Zeit, als ich die Idee für unsere Expedition formuliert habe, kennengelernt habe. Ich war also gerade vom Gipfel zurück, total emotional. Und dann dieses Lied, das ich nicht kannte, aber irgendwie von meiner Freundin und mir erzählt. Das hat mich wirklich berührt.

Tod, Risiko und die Kultur des Alpinismus

Ein unauflösbarer Widerspruch und Konflikt des Alpinismus ist der Verlust. Wie gehst du mit dem Tod von Freunden in den Bergen um?

Seit ich 18 bin, habe ich fast jede Saison einen Freund in den Bergen verloren – durch eine Lawine, eine Gletscherspalte oder etwas anderes. Das ist immer hart, auch wenn viele Alpinisten oft sagen: „Wir weinen nicht.“ Aber unter dieser sozialen Fassade gespielter Härte ist es für alle unglaublich schwer. In Chamonix ist der Tod immer präsent. Man muss sich klarmachen, dass der Sport, den wir betreiben, unausweichliche Risiken birgt. Und dass man früher oder später Freunde verliert.

Es ist problematisch, dass viele darauf reagieren, indem sie versuchen, härter zu werden – wie Granit. Aber von Generation zu Generation spürt man, dass diese Art, mit dem Tod umzugehen, keine wirklich gute Form von Verarbeitung ist. Es ist eher so, als würde man den Verlust beiseite schieben und einfach weitermachen. Aber man kann doch nicht einfach sagen: „Kinder aus Chamonix sterben beim Speedriding oder Wingsuit-Fliegen. Das war schon immer so.“ Und mit den sozialen Medien hat die Risikobereitschaft eine zusätzliche Dynamik bekommen. Junge Menschen sehen jeden Tag Beiträge von ihren Helden oder Vorbildern. Sie wachsen damit auf und wollen das Gleiche tun. Ich bin überzeugt, dass soziale Medien viele Menschen dazu bringen, immer mehr zu wagen.

Expedition und Film – EIN und dasselbe Projekt

Nach der Expedition war vor dem Film. Ist es für dich schwierig oder einfach, nach einer so langen Expedition die Motivation für die Arbeit am Film zu finden?

Überhaupt nicht. Für mich sind Expedition und Film nicht zwei getrennten Dinge. Es ist ein Projekt. Die Art und Weise, wie man die Expedition durchführt, und die Art und Weise, wie man die Geschichte danach erzählt, sind für mich gleichermaßen wichtig. Es geht nicht nur darum, zu zeigen, dass wir etwas Schwieriges geschafft haben. Es geht darum, dass der Film Antworten gibt: Was bedeutet das? Bedeutet es überhaupt etwas? Was sagt das über den Menschen aus? Über Freundschaft? Über Grenzen? Deshalb haben wir auch die längere Filmversion gedreht und deshalb gibt es auch ein Buch. Wir wollen die Geschichte über die Welt des Sports hinaus bekannt machen.

Allein das Sichten des Filmmaterials muss unglaublich lang gedauert haben.

Wir hatten 80 Stunden Video und Film. Yohan Guignard, der Regisseur, unser Cutter und ich haben uns alles zusammen angesehen. Das erste Sichten ist für mich bereits Teil vom Schreiben des Films. Wir haben geschnitten, sortiert, Sequenzen auf einer Zeitachse platziert. Und haben dabei begonnen, das zu entwickeln, was ich als Rückgrat des Films bezeichnen würde – seine narrative Struktur.

Wie lange hat das alles gedauert?

Drei ganze Wochen, montags bis freitags, von 9 bis 19 Uhr. Es war wie eine zweite Expedition – nur dass wir diesmal die ganze Zeit in einem Raum saßen. Lacht. Für mich war das großartig, weil ich die Expedition noch einmal erleben konnte. Wenn man auf einer so langen Expedition ist, kann man nicht an alles gleichzeitig denken. Das würde das Gehirn überfordern. Man erlebt es eigentlich Tag für Tag. Jeder Tag ist eine kleine Geschichte. Dabei erlebt man nicht wirklich die Gesamtgeschichte, die komplette Expedition, von der der Film und das Buch erzählen. Erst als ich drei Wochen lang alles nochmal über das Filmmaterial nacherlebt hatte, wurde mir klar, was wir tatsächlich geleistet hatten. Nach diesen drei Wochen des Sichtens waren wir erschöpft. Es war wie eine mentale Ausdauerprüfung.

Wo siehst du den Hauptunterschied zwischen eurem Film und anderen Outdoor-Abenteuerfilmen?

Normalerweise zeigen Expeditionsfilme nur Leistungen, Heldenaufnahmen oder dramatische Momente. Aber sie zeigen oft nicht die wahre Geschichte – das ist für mich die psychologische und emotionale Geschichte der Protagonisten. Diese Geschichte verläuft langsam. So langsam wie unsere Expedition. Deshalb hat auch der Film Zeit gebraucht. Deshalb dauert er ungekürzt eine Stunde und zwei Minuten – nur so entsteht, glaube ich, eine emotionale Verbindung zwischen uns Protagonisten und dem Zuschauer.

Du hast den Film deswegen auch als Mischung aus Expeditionsdoku und immersivem Kino beschrieben. Wie ist dieses Konzept entstanden?

Als ich Yohan, den Regisseur, zwei Monate vor unserer Abreise nach Alaska traf, habe ich erfahren, dass er bis dahin nur eine einzige Bergdoku gedreht hatte. Sein Hintergrund liegt eher im Bereich Sozialdokumentationen und Autorenfilme: starke Charaktere, rohe Filmaufnahmen und eine bestimmte Art des Schnitts, die es dem Zuschauer ermöglicht, sich wirklich in die Lage der Hauptfigur zu versetzen. Das bezeichne ich als immersiven Dokumentarfilm. Wir wollten etwas Ähnliches für einen Expeditionsfilm schaffen. Denn was wir dort draußen erleben, ist extrem intensiv. Andererseits fühle ich mich in vielen Abenteuerfilmen leider nur sehr selten emotional in die Handlung hineingezogen.

Hast du für das, was ihr im Film erreichen wolltet, Referenzen?

Das letzte Mal, dass ich wirklich das gespürt habe, was auch uns vorschwebte, war bei Werner Herzogs Filmen aus den 1980er Jahren. Vor allem bei „Gasherbrum – Der leuchtende Berg (englischer Titel: „The Dark Glow of the Mountains“). Er begleitet Reinhold Messner und Hans Kammerlander auf ihrer Doppelexpedition zum Gasherbrum II und Gasherbrum I. Herzogs Art, das zu vermitteln, was manche Leute als „Wahnsinn“ bezeichnen, fand ich sehr beeindruckend. Als die Produzenten Yohan das Projekt vorschlugen, hatte er dieselbe Referenz zu Herzog im Kopf. Das war also unser gemeinsamer Ausgangspunkt. Im Grunde ist die Idee unseres Films einfach: Vier Menschen, 50 Tage in der Wildnis, in einer feindlichen Umgebung, mit Skiern und Schlitten, die sich über 500 Kilometer von Punkt A nach Punkt B bewegen. Man filmt sie einfach. Oder besser gesagt: Wir haben uns selbst dabei gefilmt, denn der Regisseur war ja nicht mit auf der Expedition dabei. Aber wir wussten, welches Material er von uns erwartete: einen rohen, selbst dokumentierten Logbuchstil. In Teilen ähnelt es fast einer Reality-Show – aber mit einer poetischeren und menschlicheren Dimension.

Apropos Wahnsinn: Ich habe den Film mit meinem 11-jährigen Sohn gesehen. Er hat nur die Bilder verstanden, nicht das Französisch. Am Ende, als ihr fröhlich bunte Hawaii- und Hippie-Kleider anlegt, um eure Ankunft in Anchorage zu feiern, hat er gesagt: „Jetzt sind sie endgültig verrückt geworden.“ Das war aber als Kompliment gemeint.

Ja, wir waren ein bisschen verrückt, besonders an diesem Tag – aber verrückt auf eine fröhliche, gute und glückliche Art. Dieser letzte Abschnitt der Fahrt auf dem Fluss, vorbei an Elchen, Adlern, und Wäldern, relativ mühelos verglichen mit den Strapazen davor, war für mich der letzte Schritt unserer psychologischen Transformation. Auf dem Fluss liegen die Gefahren der Berge endgültig hinter uns. Das Commitment und die Risiken werden weniger. Wir entspannen uns. Und sind trotzdem – diesmal eben auf dem Wasser – irgendwie Teil der Natur. Und fühlen uns dabei rundum wohl, auch weil wir wissen, dass wir es geschafft haben und gleich am Ziel unserer Expedition ankommen werden…. Das Lustige ist, dass der Film überhaupt nicht für Kinder gemacht wurde. Daran haben wir nie gedacht. Aber viele Kinder scheinen ihn sehr gut zu verstehen.

Warum ist das so?

Ich glaube, weil Kinder die Bilder, die Emotionen und die Atmosphäre lesen. Sie brauchen dazu keine technischen Erklärungen in Sachen Risikomanagement oder Logistik. Vielleicht verstehen sie die menschliche Geschichte dahinter deswegen umso besser.

Glitzer, Rituale und ein Boot für die Zukunft

An den Gipfeltagen habt Ihr Glitzer im Gesicht aufgetragen- ein bisschen wie Indianer auf dem Kriegspfad. Wie seid ihr darauf gekommen?

Das hat mit einer Begegnung vor der Mount Logan-Expedition zu tun. Vor dem Aufbruch hatten wir damals eine große Party mit den Locals. Eine Frau hatte Glitzer für Karaoke dabei. Am Ende hat sie uns das Päckchen gegeben und gesagt: „Für eure Mission – das bringt gutes Wetter.“  Wir haben gelacht und gesagt: okay. Als wir dann fast nur schlechtes Wetter hatten, dachten wir irgendwann: Vielleicht hilft der Glitzer ja doch. Lachen. Das Wetter blieb zwar trotzdem schlecht, aber wir haben den Gipfel erreicht. Danach war klar: irgendeine positive Wirkung hat der Glitzer doch. Und sei es nur als Ritual. In Alaska haben wir uns biologisch abbaubaren Glitzer gekauft. Immer wenn wir gutes Wetter oder Gipfelglück brauchten, kam er drauf. Für den Film war das am Ende eine kleine, auch optisch schöne Neben­geschichte.

Was sind deine Pläne für die Zukunft?

Wir restaurieren gerade ein Boot, damit wir selbstständig in die Arktis oder Antarktis reisen können. Die Idee ist, diese Orte auf dem Seeweg zu erreichen, anstatt zu fliegen – damit auch die Reise selbst Teil der Expedition wird.

Fotogalerie

Ähnliche Artikel

Kommentare