Pinkeln als Miniexpedition
Claus Lochbihler: Lass uns ein bisschen über die Bedingungen und eure Ausrüstung sprechen. Was war der kälteste Teil der Expedition und wie seid ihr mit der Kälte klargekommen?
Alexandre Marchesseau: Am kältesten war es am Kahiltna Pass und auch am Denali. Am Tag von unserem Gletscherspaltensturz hatte es mindestens –20 °C und dazu wehte ein starker Wind. Aber das Schlimmste waren die vier Sturmtage im Zelt. Mit Windchill fühlte es sich wie –40 °C an. Einmal am Tag nach draußen zu gehen, nur um zu pinkeln, war wie eine Mini-Expedition. Man hat alle Schichten angezogen, alle Handschuhe und die Skibrille. Einer hat dir dann das Zelt aufgemacht, du bist ganz schnell herausgesprungen, hast dein Geschäft verrichtet, bist wieder ins Zelt hinein und die anderen haben dir dann geholfen, wieder warm zu werden.
Sind eure Skischuhe jemals trocken geworden?
Man versucht es, aber ab einem bestimmten Punkt bleiben sie einfach feucht. Man ist schon froh, wenn sie wenigstens warm sind und nicht gefrieren. Die beste Methode ist, die Innenschuhe und Socken immer am Körper warm zu halten – die Innenschuhe also nie auszuziehen. Ich hatte zwei Paar Merinosocken dabei. Ein dickeres und ein dünneres. Ein Paar an den Füßen, das andere zum Trocknen unter den Achselhöhlen – dem wärmsten Ort deines Körpers. Für die Nacht wechselt man dann die nassen Socken gegen die einigermaßen trockenen.
Ganz wichtig: ein kleines Handtuch, um Feuchtigkeit abzuwischen. Im Schlafsack bleiben die Innenschuhe warm. Wenn die Socken an den Füßen zu nass werden, wechselt man wieder die Socken. Das hat überraschend gut funktioniert. Wenn man in den Skitourenschuhen die Einlegesohle herausnimmt, hat man mehr Platz im Schuh, was ebenfalls für wärmere Füße sorgt. Wir haben uns Teile von einer Rettungsdecke ausgeschnitten und unter die Füße gelegt – das wärmt besser als normale Einlegesohlen im Skischuh.
Habt Ihr Standard-Innenschuhe verwendet oder andere?
Innenschuhe von Zipfit. Die sind wärmer und haltbarer als die Standard-Liner der Hersteller.
Du bist ein leidenschaftlicher Monoski-Fahrer. Zuletzt sogar bei der Mount Logan-Expedition, mit für den Aufstieg teilbaren Monoski. Nur diesmal nicht. Weshalb?
Es war das erste Mal seit 15 Jahren, dass ich meine Monoski nicht auf Expedition mitgenommen habe. Normalerweise fahre ich immer Mono. Aber am Mount Logan habe ich gemerkt, dass sie auf einer so langen Durchquerung extrem anstrengend sind. Und in sehr steilen Hängen gehst du auf einem Monoski mit schwerem Rucksack sehr viel mehr Risiko ein als mit normalen Ski. Also habe ich diesmal darauf verzichtet.
Mit welchen Ski warst du unterwegs?
Ich habe einen Freund, der im Chamonix-Tal Ski baut. Er heißt Jonno Jacobs. Er kommt ursprünglich aus Südafrika und ist vor, ich weiß nicht, 15 oder 20 Jahren nach Chamonix gekommen – als junger Skibum. Das erste Mal habe ich ihn in einem Couloir an der Nordwand der Aiguille du Midi getroffen. Wir waren beide damals vielleicht 18. Es war Mai. Er ist sehr direkt eingefahren und hat uns total eingeschneit. Ich war ganz schön sauer, weil es sehr ausgesetzt war. Wir waren jung und ein bisschen – ich sag mal – ‚territorial‘ in unserem Denken. Ich hab ihn richtig angefahren: ‚Was machst du hier überhaupt? Du weißt doch gar nicht, wie man hier Ski fährt.‘
Dabei war er ein wirklich guter Skifahrer. Später haben wir uns in einer Bar wieder getroffen. Er kam zu mir und hat sich entschuldigt. Zehn Jahre später hat er angefangen, Ski zu bauen. Also bin ich vor Alaska zu ihm gegangen und habe gesagt: Ich brauche etwas ganz Spezifisches für diese Expedition. Etwas sehr schmales, nicht mehr als 77 oder 80 mm Mittelbreite. Und so leicht wie möglich – aber trotzdem noch gut fahrbar. Er hat mir genau diese Ski gebaut: mit einem guten Shape und schönem Design. Sie sind aus Bambus und deswegen extrem leicht.