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Schnee von morgen

Schnee von Morgen | Vom Hanfstängel zum kreislauffähigen Ski

Ein Interview über Hanfski mit Simon Mayenschein von SPURart

24.03.2026
Martin Svejkovsky Fritz Crone
Simon von der Innsbrucker Skimanufaktur SPURart tüftelt im Rahmen eines Innovations- und Forschungsprojekt an der Herstellung eines kreislauffähigen Skis. Im Interview berichtete er uns über die Hintergründe, Herausforderungen und Erfolge von diesem ambitionierten Vorhaben. Im Anschluss an das Interview durften wir das Werk testen und konnten uns einen ersten Eindruck verschaffen. Doch lest selbst:

PowderGuide:
Hey Simon, erstmal danke für deine Zeit. Zur ersten Frage: Wie ist dir überhaupt die Idee gekommen, Ski aus Hanf zu bauen? Wusstest du da schon, dass das überhaupt möglich ist?

Simon:
Die Idee kam eigentlich nicht direkt von uns oder von mir, sondern primär von Valentine Troi. Sie hat damals im November 2021 bei der Standortagentur Tirol das Projekt Alpenhanf 360 Grad betreut. Das war eine Plattform, mit dem Ziel, einen wirtschaftlichen Kreislauf für Nutzhanf in Tirol und der Alpenregion aufzubauen – also auch in Italien, konkret in Südtirol und im Trentino. Mittlerweile leitet sie das GrownLab der Universität Innsbruck.
Sie ist damals auf uns zugekommen und hat gefragt, ob wir im Zuge eines kleinen Förderprojekts nicht ausprobieren wollen, Hanf im Skibau einzusetzen.

Ah, okay. War das dann ein Forschungsprojekt der Uni oder vom Land Tirol?

Das war ein vom Land Tirol gefördertes Innovationsprojekt. Das Budget war relativ klein, wir haben zwei Ski gebaut, zwei Prototypen und die haben überraschend gut funktioniert. Daraus ist dann der Kontakt zu Kai und Lovis von Sachsenleinen entstanden. Die stellen Hanffaser-Tapes her – sogenannte Gelege. Das sind Faserlagen, die im Ski oben und unten auf dem Kern liegen und ihn stabilisieren. Im Skibau gibt es oben einen Obergurt und unten einen Untergurt. Statt klassisch gewebter Stoffe verwendet man Gelege, bei denen die Fasern in einer Ebene liegen. Dadurch haben sie eine bessere Performance. Diese Hanfgelege werden in Leipzig hergestellt. Mit ihnen haben wir erste Versuche gemacht, und daraus ist schließlich das Forschungsprojekt entstanden, an dem wir jetzt arbeiten.

War es von Anfang an das Ziel, einen kreislauffähigen Ski zu entwickeln?

Ja, das aktuelle Forschungsprojekt läuft über die FFG. Das ist die Agentur, die Förderungen des Umwelt- und Verkehrsministeriums abwickelt. Gemeinsam mit unserem Konsortium haben wir das Projekt Kreisel gestartet – also der sogenannte „Hanfski“, ein kreislauffähiger Ski. Die Idee ist dort richtig gewachsen: ein Ski, der im Sinne der Kreislaufwirtschaft gedacht ist. Im Netz findet man auch noch den Link zu unserem Antrag.

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Warum braucht es überhaupt einen kreislauffähigen Ski? Was läuft in der Skiproduktion falsch?

Ich glaube, noch vor einigen Jahren ist deutlich mehr falsch gelaufen als heute. Grundsätzlich ist die Skiindustrie aber eine klassische Take-Make-Waste-Industrie, also linear organisiert. Das führt zu extrem viel Abfall. Vor ein einigen Jahren sind teilweise bis zu 50 Prozent der produzierten Ski im Müll gelandet, weil es wirtschaftlich lukrativer war, schnell zu produzieren als qualitativ oder nachhaltig. Mich hat das schon immer gestört – dieses lineare Denken. Wir gehen gerne in die Natur und wollen ein Teil von ihr sein, aber die Produkte, mit denen wir uns die Natur erschließen, schaden ihr, und werden nicht als Teil des Kreislaufs gedacht. Ich habe mir dann überlegt, wie Kreislaufwirtschaft funktionieren kann und wie man dieses Prinzip, das in der Natur ganz selbstverständlich ist, auf ein Produkt wie einen Ski übertragen könnte. Das ist noch lange nicht ausgereift, aber wir arbeiten daran, diesen biologischen Ansatz im Kreislaufdesign umzusetzen.

Welche Rolle habt ihr als SPURart konkret im Projekt?

Das Projektteam besteht aus mehreren Partnern: Die Universität Innsbruck übernimmt das Projektmanagement und führt viele Messungen im Labormaßstab durch. Bio Composites eine Firma aus der Nähe von Stuttgart stellt Bioharze mit hohem Bioanteil auf Leinölbasis her. Dann ist noch Wood Kplus aus Kärnten dabei, ein Forschungsinstitut für Holz und Harze. Sie testen Materialien im Labormaßstab und geben Empfehlungen, wie diese später industriell verarbeitet werden können – etwa auch für Hersteller wie Atomic. Unsere Rolle als SPURart ist es, all das vom Labormaßstab – also etwa 30 × 30 Zentimeter – auf den Ski-Maßstab zu bringen. Das klingt einfacher, als es ist. Man muss nicht nur Ski bauen, sondern auch alle Materialien erst einmal in dieser Größe verfügbar machen. Das ist tatsächlich eine große Herausforderung.

Ihr seid also im Grunde Prototypenbauer?

Genau. Wir arbeiten im manufakturellen Maßstab und bauen Prototypen. Atomic übernimmt den industriellen Maßstab. Wir bereiten auf Materialien und versuchen aus diesen dann Ski zu entwickeln.

Kommen wir zum Rohstoff Hanf. Warum eignet er sich besonders gut für nachhaltigen Skibau?

Wir sprechen hier von Nutzhanf, also industriell nutzbarem Hanf, nicht von Marihuana. Diese Hanfsorten bietet eine enorme Bandbreite an Nutzungsmöglichkeiten. Man kann praktisch alles verwerten: die Samen für Öl, die Fasern für technische Anwendungen, die Wurzeln zum Beispiel für Viehfutter. Hanf wächst extrem schnell – bis zu 10 cm pro Tag. Außerdem speichert ein Hektar Nutzhanf pro Jahr ungefähr so viel CO₂ wie ein Jungwald, er wächst aber in nur 5 Monaten. Technisch gesehen sind Hanffasern sehr widerstandsfähig. Früher wurden daraus Seile für die Schifffahrt hergestellt. Im Skibau haben sie ähnliche Steifigkeits- und Dehnungseigenschaften wie Glasfaser und eignen sich deshalb gut für Kompositmaterialien.

Wie wird aus dem Hanfstängel eigentlich ein Bauteil für den Ski?

Ganz vereinfacht gesagt: Der Stängel wird aufgebrochen. Innen ist er weich und spröde, außen von Fasern ummantelt. Durch das Brechen lassen sich die Fasern vom Kern lösen und abziehen. Dieser Prozess ist sehr aufwendig. Danach können die Fasern zu Fäden weiterverarbeitet werden, aus denen dann die Tapes entstehen. Das ist stark vereinfacht, aber im Kern läuft es so ab.

Und wie unterscheidet sich der Bau eines Hanfskis vom herkömmlichen Skibau?

Grundsätzlich baut jede Skifirma ein bisschen anders. Wir arbeiten im Sandwich-Verfahren: Alle Schichten werden übereinandergelegt und verpresst. Normalerweise besteht der Ski aus einem Holzkern, der oben und unten mit Glas- oder Carbonfaser verstärkt ist. In unserem Projekt ist die Idee, diese Fasern komplett durch Hanf zu ersetzen. Langfristig soll auch der Kern aus Hanf bestehen. Ursprünglich wollten wir dafür Abfallströme aus der Hanffaserproduktion nutzen, das hat sich aber als sehr schwierig herausgestellt. Aktuell verfolgen wir einen neuen Ansatz.

Was waren und sind dabei die größten Herausforderungen?

Wir entwickeln hier Produkte, die es so noch nicht gibt. Man kann nicht einfach die gleiche Menge Hanf nehmen wie Glasfaser und hoffen, dass es funktioniert. Man muss erst verstehen, wie sich Hanf verhält: Welche Grammaturen funktionieren? Wann wird es zu schwer, wann dämpft es zu stark, wann hat es genug Spannung? Und vor allem wie verarbeitet man den Hanf?

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Beim Kern ist die Herausforderung, überhaupt etwas „Skikernähnliches“ aus Hanf herzustellen, was sich mit ähnlichen Prozessen bearbeiten lässt. Kann der Kern gleich aussehen wie bisher oder müssen wir ihn komplett neu denken? Wie viel Kleber braucht man, welche Sorten eignen sich? Dazu kommt: Ein Ski ist ein extrem komplexes Sportgerät. Er biegt sich in viele Richtungen, wird großen Temperaturunterschieden ausgesetzt und von sehr unterschiedlichen Fahrer:innen genutzt. Da spielen unglaublich viele Variablen zusammen.

Ist das Ganze aktuell wirtschaftlich umsetzbar?

Im Moment noch nicht. Der Aufwand ist zu hoch, aber ein Forschungsprojekt dient ja auch dazu, das herauszufinden. Im manufakturellen Maßstab wäre es vielleicht schon möglich, allerdings deutlich teurer als ein normaler Ski. Im industriellen Maßstab ist es derzeit noch nicht rentabel, bzw. nicht in die standardisierten Prozesse integrierbar.

Du hast die positiven Eigenschaften von Hanf und Naturfaser erwähnt, warum werden Naturfasern denn nicht schon länger im Skibau eingesetzt?

Flachs wird bereits verwendet, zum Beispiel von Salomon, Atomic oder Anderen. Das Problem ist einerseits, dass Naturfasern noch nicht so ausgereift sind wie Glas- oder Carbonfasern, die über Jahrzehnte optimiert wurden. Auch sind sie in großen Mengen nur bedingt verfügbar. Andererseits sind Naturfasern keine Endlosfasern, die immer die gleiche Qualität liefern, sondern natürlich wachsen.

Das heißt, Ort, Anbaumethode, Erntemethode, Sorte, Sonnen-/Regentage usw. haben Einfluss auf das Endprodukt, was auch die Hanfgelege zu sehr komplexen Materialien macht. Ein weiteres herausforderndes Phänomen ist das sogenannte Kriechverhalten von Naturfasern. Ein Ski könnte sich dadurch mit der Zeit dauerhaft verformen. Das ist einer der Hauptgründe, warum Hanf bisher noch nicht in großem Stil eingesetzt wird. Gleichzeitig sorgen diese Eigenschaften aber für eine sehr gute Dämpfung – was wir jetzt gleich bei der Probefahrt testen werden.

Probefahrt und Testerfahrung

Wir, Fritz und Martin von PowderGuide hatten im Anschluss an das Interview die Möglichkeit einen Hanfski zu testen. Es handelte sich dabei um einen Freeride-Ski mit Tip- und Tail-Rocker mit den Maßen 134-106-125 in der Länge 183 cm. Martin ist 187 cm groß und wiegt 87 Kilogramm, Fritz ist 180 cm und wiegt 72 kg. Für den klassischen Langzeittest nach PowderGuide.com Richtlinien reichte die Zeit leider nicht. Unsere Testerfahrung lässt sich deshalb nicht auf andere Bedingungen übertragen. Die Pisten waren sehr hart und griffig. Abseits gab es zerfahrenes und buckliges Gelände. Insgesamt also Verhältnisse, die hohe Anforderungen an die Ski stellen.

Der Ski, den uns Simon zum Testen mitgebracht hat, ist ein SPURart All Easy in 183 cm. Er ist für Tree-Skiing und Backcountry Freestyle gebaut und legt den Fokus auf ein breites Anwendungsfeld, „easy going“ und verspieltes Fahren. Das üblicherweise verwendete Glasfasergelege wurde in diesem Ski größtenteils durch Hanfgelege ersetzt, was dem sonst sehr lebendigen Ski einen neuen Charakter verleiht.

Grip & Stabilität

Trotz des ausgeprägten Rockers und der damit kürzeren Kantauflage im Schnee fuhr sich der Ski auf den harten Pisten erstaunlich gut, die Kurven konnten auch auf eisigen Passagen „geschnitten“ werden und es kam, außer in sehr steilem Gelände zu keinem auffälligen und unerklärlichen Rutschen.

Die im Interview mit Simon angesprochenen Dämpfeigenschaften von Hanf machten sich definitiv bemerkbar. Bei niedrigem Tempo bleibt der Ski stabil, er kann aber auch hohe Geschwindigkeiten erreichen und gleitet unbeeindruckt über Unebenheiten hinweg. Bei höheren Aufkantwinkeln – wohlgemerkt im hohen Geschwindigkeitsbereich und auf sehr unebenem Gelände – ist der Radius von 18,4 Metern spürbar, was etwas Nervosität verursacht. Der Ski flattert aber wirklich gar nicht und behält das satte Gefühl durch alle Geschwindigkeiten bei.

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Handling & Agilität 

Der Ski fuhr sich ausgesprochen einfach, beinahe intuitiv. Schnelle Kurzschwünge werden durch die hohe Drehfreudigkeit erleichtert und im engen Gelände kann man auf die Wendigkeit zählen. Selbst in anspruchsvollen Bedingungen (zerfahrenes Gelände) baut man schnell Vertrauen in den Ski auf, was dazu einlädt, jedes Feature und jede Geländekanten ohne Bedenken zum „Sprayen“, „Springen“ oder „Buttern“ zu nutzen. Zwischen den Buckeln spürt man die Breite des Skis, trotzdem lässt er sich unaufgeregt hindurchwedeln, die dämpfenden Hanffasern reduzieren das Feedback deutlich. Der Ski hat grundsätzlich einen mittleren bis steifen Flex, insbesondere das Tail ist recht „fest“, deswegen lässt sich der Ski darüber kaum steuern. Am besten kontrolliert sich der Ski durch einen aktiven Stance und über die Schaufel eingeleitete Kurven.

Kurven- und Radiusverhalten

Wie bereits geschrieben, machten kurze Schwünge aufgrund der Wendigkeit große Freude. Auch in großen Schwüngen hielt die Kante, sodass die Kurve „zugefahren“ werden konnte. Allerdings soll hier kurz auf eine Eigenschaft des Hanfskis eingegangen werden, die ihn von anderen Skiern unterscheidet und sich auch im Fahrverhalten bemerkbar macht. Aufgrund des hohen Dämpfungsgrads von Hanf, den Simon im Interview erklärt hat, ist einerseits zwar mehr Laufruhe gegeben, andererseits verfügt der Ski dadurch aber über weniger Dynamik.

Damit ist gemeint, dass der Ski besonders im Kurvenscheitel und kurz danach, also in dem Bereich, in dem er am stärksten belastet und gebogen wird, über weniger Rebound verfügt und die Fahrerin bzw. der Fahrer nicht, wie es bei anderen Skiern der Fall ist, aus der Kurve „gefedert“ wird. Dieser Mangel an Spritzigkeit kann subjektiv bewertet werden, ist im Test allerdings überhaupt nicht negativ aufgefallen. Generell ist diese Eigenschaft häufig bei Freeride-Ski zu finden.

Schließlich verzeiht der gezähmte Rebound wesentlich mehr Fehler und fordert im Gegenzug etwas mehr Kraft, um die nächste Kurve einzuleiten. Unserer Empfindung nach ist das Fahren dadurch nicht ermüdend, sondern erspart das teilweise kräftezehrende Zähmen besonders aggressiver Ski mit viel Rebound.

Kraft- und Fahrkomfort

Mit der Verwendung der Hanffaser geht auch ein hohes Eigengewicht der Ski einher. Der Stance ist halbwegs progressiv (Skimitte bei geschätzten 54-55%). Der Radius ist mit 18,4 Metern bei 183cm mittelgroß. Das Skigewicht selbst fällt daher kaum auf, weder am Boden noch in der Luft. Die Hanffaser dämpfen die Dynamik des sehr reaktiven Eschenkerns deutlich. Das charakteristische - weniger dynamische, dafür gut gedämpfte - Fahrgefühl des Hanfskis bleibt vom Kraftaufwand überschaubar und fordert nicht mehr Kraft als andere Ski. Er gibt zwar weniger Energie zurück, aber durch das ruhige Fahrverhalten bot der Ski besonders bei hohem Tempo oder ruppigem Gelände einen hohen Fahrkomfort und schluckte Unebenheiten kräftesparend weg.

Fazit 

Dieser Ski kann nicht nur mit herkömmlichen Skiern mithalten, sondern macht auch definitiv Spaß. Wer grundsätzlich an nachhaltigen Ski interessiert ist, muss bei einem Hanfski keine fahrerischen Einschränkungen befürchten, denn das Dämpfungsvermögen bietet sogar Vorteile. Es bleibt zu hoffen, dass auch in Zukunft in die Entwicklung nachhaltiger Ski investiert wird. Falls ihr euch für das Projekt und die Arbeit von SPURart interessiert, findet hier ihr weitere Informationen, außerdem könnt ihr auch jederzeit persönlich in der Manufaktur in Innsbruck-Hötting vorbeischauen.

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