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Materialtests

Materialtest | Armada AR ONE 130 MV

Ein Half PIN Hybrid Cabrio Boot im PowderGuide Test

20.03.2026
Sebastian Siep
Eine Kultmarke fällt immer wieder durch exzentrische Auftritte oder Markteintritte auf. Zuletzt wagte die Ur-Freeskimarke Armada den Einstieg ins Snowboardgeschäft, was durchaus cool ist. Ebenfalls neu war in der letzten Saison der Midseason-Release der eigenen Skischuhlinie. PowderGuide hat das aktuelle Topmodell dieser Linie genau unter die Lupe genommen.

Erster Eindruck

Als Tester erfreut mich, dass es sich bei den Schuhen ausschließlich um dreiteilige Konstruktionen handelt, die in der Szene von vielen Powderjunkies favorisiert werden. Das trifft aber mehr als nur einen Retro-Nerv. Denn der Ur-Dreiteiler Flexxon von Raichle wird nach über 40 Jahren immer noch in flashigen Farben von derselben Form bei der Konkurrenz ausgestoßen. Daneben hat sich das weiterentwickelte, massivere Cabriodesign von Dalbello auf dem Markt etabliert.

Die dreiteilige Konstruktion bringt Alleinstellungsmerkmale mit, die beim Freeride-Skifahren von Vorteil sind. Neben dem deutlich leichteren Ein- und Ausstieg sind sie in zentraler oder Vorlageposition sehr gutmütig fahrbar, wobei sich ein charakteristisch stark progressiver Flex zeigt. Bei der Abfahrt im Gelände kann somit sehr feinfühlig auf Unebenheiten und sich ändernde Schneebeschaffenheiten reagiert werden. Die Progressivität wirkt dabei wie eine Fahrwerksstufe, die in einem Cabrio-Schuh sehr flexibel an die jeweilige Situation angepasst werden kann. Die auf der oben offenen Schale aufliegende, bewegliche Zunge leitet den vom nach vorne rotierenden Schaft entstehenden Druck federnd in die Fußsohle und ist somit ideal für alle Vorlageansprüche des Skifahrens. Der Kompromiss bei den Cabrios war bisher immer der wenig progressive Seitenhalt, der die Schuhe für harte Renneinsätze auf hartem Kunstschnee oder Eis mit messerscharfen Carvingski ungeeignet macht, da ein klassischer zweiteiliger Schuh mehr Präzision beim Aufkanten ermöglicht.

Genau hier liegt der Anspruch für ein Alleinstellungsmerkmal, für das Armada drei Jahre Entwicklungszeit investiert hat. Zwar will die Freeskimarke beim Freeriden bleiben, allerdings hat die Entwicklungsmannschaft dem Schuh einen auffällig massiv konstruierten Schaft verpasst. Dieser soll die seitliche Stabilität verbessern und sich somit gegen die Konkurrenz durchsetzen. Armada nennt diese Konstruktion „Hybrid Cabrio”.

Die konzerninterne Entwicklungsmannschaft ist die des PowderGuide-Partners Atomic. In ihrem eigenen Line-up sehen sie den Absatz eines Nischenprodukts, einer dreiteiligen Konstruktion nur mit Frontpins, vermutlich als hinderlich im Vertrieb der bestehenden Produktprogramme Redster, Hawx und Remedy. Die Ursprünge bei Atomic machen sich an dem Schuh an vielen Stellen bemerkbar. Die Schale verfügt über ein Vier-Punkte-Canting und eine verstellbare Vorlageposition.

Letztere ist auf der Rückseite wie bei den oben genannten Modellen Redster und Remedy ausgeführt. Eine Klammer fixiert den Schaft mit zwei Schrauben in einem Mindestvorlagewinkel an der Schale. Ähnlich wie bei den höherwertigen Schuhen von Atomic sind es immer lösbare Verbindungelemente, also Schrauben, wobei erfreulicherweise mittlerweile auch Torx-Schrauben verwendet werden. Allerdings wird nur für die Innensechskantschrauben ein Werkzeug mitgeliefert. Hier bestünde Verbesserungspotenzial, wenn man alles auf Torx vereinheitlichen und das entsprechende Werkzeug mitliefern würde.

Fast alle Einzelteile, darunter Innenschuhe, Innenschuhzungen, Brandsohlen, Straps und Wechselsohlen aus dem riesigen Ersatzteilkatalog von Atomic den wir bereits testen durften, sind kompatibel. Besonders freut es den Tester, dass sich damit auch die Alpinwechselsohlen nach ISO 5355 verwenden lassen. Serienmäßig ist der Schuh mit Gripwalk-Sohlen, einem fixen Strap und einer weichen, schockabsorbierenden Brandsohle ausgestattet. All dies habe ich allerdings aus persönlichen Vorlieben mit den Teilen aus dem Baukasten sehr einfach ausgetauscht.

Kommen wir zu den konstruktiven Besonderheiten des AR ONE 130 MV. Er verfügt über drei Schnallen, wobei die mittlere, sogenannte „Sling Shot“-Schnalle allerdings vier statt zwei Befestigungspunkte hat. Es handelt sich um eine außen an einem Kabel geführte Schnalle, welche die inneren und äußeren Angriffspunkte unterhalb und oberhalb des Knöchels verankert. Der Cabriokomfort wird mit einer 4-Schnallen-Performance beworben. Diese Schnalle soll sich also wie eine weitere auf dem Mittelfuß und eine oberhalb des Knöchels liegende Schnalle verhalten. Allerdings lässt sich nur die obere Schnalle versetzen. Leider fehlt eine Mikroverstellung der Schnallen.

Beim Auspacken fällt auf, dass der Schuh vergleichsweise schwer ist. Das Gewicht ist gut versteckt, denn trotz MV-Leisten sieht der Schuh schlank aus. Wo also steckt das Gewicht?

Ich schlüpfe erstmal hinein. Im Vergleich zu meinen Cabrios mit Overlap-Innenschuhen geht es in den Armada Liner mit einer Zunge schwieriger. Doch der breitere Leisten lässt mich schließlich hinein. Beim Schließen der Schnallen merke ich, wie sich der Schuh um meinen Fuß zieht, da Schale und Zunge aus eher dünnem, recyceltem PU bestehen. Deshalb sieht er auch so schlank aus. Beim Vergleich mit meinen anderen Cabrio Stiefeln fällt mir der sehr hohe Schaft auf. Dieser ist seitlich deutlich verstärkt und der Kunststoff des Schaftes ist um das Sprunggelenk herum deutlich massiver.

Ich steige nacheinander in die Vergleichsmodelle, die ich mit ins Wohnzimmer genommen habe, und vergleiche. Ich mache immer eine Markierung am Schienbein. Der Dalbello Cabrio LV Free 130 (C) und der Dalbello Krypton (K) sind zum einen deutlich flacher geschnitten als der Armada (A). Zum anderen scheint die Brandsohle des Armada dünner zu sein, wodurch sich die Standhöhe zusätzlich verringert. Der Vergleich vernachlässigt, ob die Schuhe unterschiedliche Vorlagewinkel haben, aber dieser Unterschied macht sich subjektiv deutlich bemerkbar.

Der Innenschuh des Armada-Modells sieht dem Mimicliner von Atomic ebenfalls sehr ähnlich. Der Schnitt scheint identisch zu sein. Die Verteilung des Füllmaterials ist jedoch etwas großzügiger. Die Zunge ist mit Klett fest angebracht. Der Austausch des Liners gegen einen aus dem Atomic-Programm oder einen anderen ist eine gut mögliche individuelle Anpassung.

Außerdem machen sich die Atomic-Gene in der Passform des Schuhs bemerkbar: Die Ferse ist schmal und man wird eng geführt. Das lässt auf Präzision in der Skiführung hoffen.

Tester und Testbedingungen

Ich bin 1,95 m groß, habe entsprechend lange, allerdings dünne Unterschenkel und wiege selten weniger als 100 kg.

Seit Mitte Dezember bin ich den AR ONE 130 MV mit verschiedensten Ski gefahren. Meistens war ein Fischer Ranger 115 FR in 196 cm im Einsatz, aber ich habe auch den Ranger 108 Ti in 202 cm und die Praxis Powderboards in 200 cm verwendet, immer mit Look Pivot und CAST-System. In letzter Zeit war ich vermehrt mit dem Armada ANT in 191 cm und einem Head Attack Hybrid unterwegs, um auf dem sehr steifen Ski den Schuh richtig zu spüren. Zudem gab es wenige Testabfahrten mit deutlich weicheren und verspielteren Ski.

Ich habe eher das Gegenteil eines Normfußes, bekomme aber mit Hilfe von guten Bootfittern die meisten 29,5er Schuhe passend. In dieser Größe steht der Armada AR ONE 130 MV zur Verfügung. MV steht für Mid Volume. Der 29,5er hat eine Leistenbreite von 106 mm. In der Referenzgröße 26,5 sind es 100 mm Leistenbreite. Der Schuh passt aus dem Karton einigermaßen und ich wage die ersten Ausfahrten, um zu fühlen, wo ich optimieren möchte. Der Fuß sitzt ziemlich satt im Schuh, die Zehenbox ist weit genug. Es entsteht genug Druck auf die Innenkante bis in den großen Zeh, da ich entlang des Innenrist eine saubere Anlage zur Schale habe.

Nach den ersten Tagen unter verschiedenen Bedingungen – von harter Frühwinterpiste bis hin zu den ersten Powdertagen – wird mir klar: Ich brauche ein wenig mehr Platz um den Knöchel, um besser im Schaft und in der Schale anzuliegen und um über die gesamte Zunge flexen zu können. Die Schnalle am Schaft sitzt nah am Sprunggelenk, was die Einschnürung verstärkt. Eine in der Höhe verstellbare Schnalle am langen Schaft könnte hier eventuell Abhilfe schaffen.

Also habe ich zunächst den Innenschuh gegen einen Intuition Wrap Overlap getauscht. Das hat die Schmerzen kuriert, allerdings blieb ein punktuelles Druckgefühl bestehen. Somit ging ich zum Bootfitter. Er sah die dünne Schale und stellte den Schuh für sieben Minuten bei 80 °C ohne Liner in den Ofen. Anschließend bin ich mit dem kalten Liner schnell in die Schale gestiegen.

Es dauerte etwa 20 Minuten, bis die Temperatur in den Hot Spots um das Sprunggelenk wieder unter 40 °C war. Das Problem war, dass der deutlich massivere Schaft in Gelenknähe viel langsamer abkühlte. Dadurch kam es zu einer Ausbeulung, die nachträglich mit einem Zangenwerkzeug unter den Heizpads wieder in die Schale zurückgedrückt werden musste. Eine andere Vermutung ist, dass sich die beiden unterschiedlichen Kunststoffe, die laut Herstellerinfo im Schaft verbaut sind, unterschiedlich ausdehnen. Die ungewollte Verformung ging glücklicherweise fast vollständig zurück. Und so war ich trotz der zusätzlichen Viertelstunde noch nie so schnell beim Bootfitter zu Frieden. Noch die Innenschuhe im Ofen aufheizen und ein letztes Mal für zehn Minuten einsteigen – fertig. Jetzt sitzt der Schuh.

Testbericht

Der Schuh ist erstaunlich vielseitig. Bereits zu Beginn der Saison konnte ich ihn mit wenig Kraftaufwand in den Oberschenkeln und mit großem Selbstvertrauen in anspruchsvollem Gelände bewegen. Im Vergleich zu meinen anderen Schuhen mit 130er Flex finde ich ihn eher etwas weich. Das liegt sicher an der dünnen Schale und Zunge im Vergleich zu den anderen Cabrios, aber auch an der langen Anlage am Schienenbein. Deutlich zu spüren ist der Hebel, der es leicht macht, den Schuh zu flexen. Zum anderen wird der breitere Leisten Auswirkungen haben, die sich im Vergleich zu einem LV-Cabrio wie dem Krypton zeigen. Die Kraftübertragung ist eher zäh.

Was ich bei dem Entwicklungsvorhaben noch vermisse, ist der seitliche Halt. Auf harter Piste habe ich dies vor allem bei den Powderboards bemerkt, also den Ski mit Reverse Sidecut. Hier hatte ich teilweise mit Druckverlust im seitlichen Bereich hinter der Bindung zu kämpfen. Das hat sich durch den Einsatz des steiferen Overlapliners etwas verbessert.

Auffällig ist außerdem die temperaturabhängige Steifigkeit. An warmen, frühlingshaften Tagen unterstützt der Schuh nur wenig, sodass die Präzision der Skiführung auf hartem, schlechtem Schnee schwach ausfällt. Während der kalten Zeit um Silvester auf der Piste und bei den Schneefällen Ende Januar war dies deutlich besser. Es gab eine progressivere Vorlagesteifigkeit, sodass man bei höherem Tempo reaktionsfreudig blieb. Alle moderneren Shapes wie der Atomic Maverick, der Ranger FR und der Ti sowie das Powderboard machen viel Spaß. Die elastischen Reserven des Schuhs verzeihen Positionsfehler großzügig. Das hohe Gewicht ist beim Fahren kaum spürbar. Vermutlich, weil die Schwungmasse durch die leichte Schale klein ist. Der massive Schaft ist beim Fahren eher angenehm, da er einen guten Halt bietet.

Mit sehr torsionssteifen Skiern mit vertikaler Seitenwange stößt der Schuh jedoch an seine Grenzen und die Agilität beim Fahren nimmt wieder ab. Dabei ist auch mein zunehmender Trainingszustand zu berücksichtigen. Ich muss mich jedes Mal auf ein anderes Leistungsniveau des Schuhs einstellen. Nach mehreren Tagen Back-to-Back-Test des Armadas und des Dalbellos fällt mir ein direkter Vergleich immer schwieriger. Der Armada ist ähnlich leicht anzuziehen und eigentlich unauffällig beim Fahren im zerspurten Gebiet. Er unterstützt mich ausreichend, um die meisten Schläge von anderen Spuren wegzustecken, und er ermutigt aufgrund der guten Abstützung tatsächlich, den einen oder anderen größeren Drop zu machen, weil man so gut aufgefangen wird. Besonders gut gefällt mir die niedrige Standhöhe. Man ist nah an der Oberfläche, was in gemischten Schneeverhältnissen eine gute Reaktion ermöglicht.

Natürlich führt die begrenzte Schrittweite im Aufstieg zu einer reduzierten Performance. Allerdings ist er beim Bootpack und beim Spaziergang über Forstwege und Asphalt bequem. Dafür sind einerseits die niedrige Standhöhe und andererseits die nachgiebigere Schale des Armadas ursächlich. Somit macht sich auch die eigenständige Konstruktion des Armada-Freeride-Stiefels positiv bemerkbar.

Fazit

Der Schuh entspricht dem aktuellen Trend der Freerideszene. Es entstehen immer breitbandigere Hybridlösungen, die durch ihre Alleinstellungsmerkmale vielseitig einsetzbar sind. Der Schuh ist leistungsfähig genug, um große, moderne und sportliche Ski zu bewegen. Allerdings funktioniert er bei verspielteren Ski und etwas gemischteren, weicheren Verhältnissen deutlich besser, da er sich dann viel intuitiver fahren lässt.

Armada gibt Gas und feiert bereits erste Erfolge. Zahlreiche FWT-Podiumsplätze und Weltmeistertitel lassen auf eine spannende Zukunft hoffen. Die Weiterentwicklung der Armada-Schuhreihe bleibt für PowderGuide sehr interessant. Der Nachfolder ist bereits mit Walkmechanismus und Fullpin ausgestattet, soll folglich tourenorientierter sein und wurde bereits präsentiert. Ebenfalls sind Updates der Innenschuhe schon mehr als nur Gerüchte. Es geht voran, wir bleiben dran!

Vorteile

  • Hoher Schaft, deutliche Umschlingung des Unterbeins

  • Tiefe Standhöhe

  • Atomic Baukasten

  • Recycled PU

  • Anpassungsfähigkeit

  • Seitliche Stabilität

  • Guter Fersenhalt

  • Torxschrauben

Nachteile

  • Qualität, rutschende Zunge; schwacher Flex der Zunge

  • Dünner Kunststoff, trotzdem Schwerer Schuh.

  • Temperaturempfindlichkeit des Materials vor allem durch die unterschiedliche Schaft und Schalendicke

  • Fehlende Mikroverstellung der Schnallen

  • Unterschiedliche Schraubenköpfe

  • Fix Strap

  • Abstand Manschette zur mittleren Schnalle

  • Position Schaftschnalle

Hersteller Angaben

UVP: € 649,-

TECH FEATURES

  • HYBRID CABRIO CONSTRUCTION

  • NATTY FLEX

  • SLINGSHOT BUCKLE

  • MEMORY FIT

  • 100MM LAST

  • AR ONE TEAM LINER

  • ADJUSTABLE LINER TONGUE

  • ANCHOR FIT HEEL POCKET

  • NEOPRENE TOEBOX

  • PU Y-BAND

  • KUSH DAMPING BOOT BOARD

  • POWER SHIFT

  • ADAPTIVE FIT SYSTEM (AFS) CUFF

  • CUFF ALIGNMENT

  • WATERSEALING

  • MICRO-ADJUSTABLE BUCKLES

  • TEAM ELASTIC CAM 50MM POWERSTRAP

  • EZ ON N' OFF

  • 2 KOMPONENT KUFF

  • GRIPWALK

  • HALF-TECH INSERT

  • MID GRIP

  • RECYCLED PLASTICS

  • FULLY REPLACEABLE HARDWARE

Hier geht es zur Website von Armada mit weiteren Informationen.

Der Schuh wurde PowderGuide vom Hersteller kostenfrei zur Verfügung gestellt. Wie wir testen erfahrt ihr in unserem Test-Statement.

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