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Schneegestöber

SchneeGestöber 2 2025/26 | „Unter der Lupe“

Die Sache mit den Nordhängen: Unterschiedliche Schneedeckenentwicklung an verschiedenen Expositionen

26.01.2026
Linus Langenbacher Lydia Knappe
„Unter der Lupe“ ist eine Artikelreihe von Lydia und Linus. Wir beide sind diesen Winter am SLF in Davos unterwegs und beschäftigen uns dort aus wissenschaftlicher Perspektive mit Schnee. Weil wir – sowohl auf Feldarbeit als auch an unseren Wochenenden – sowieso regelmäßig den Schnee unserer Umgebung „unter die Lupe“ nehmen, nehmen wir euch diesen Winter ab und an mit. Wir erklären euch unsere Schneeprofile, was die einzelnen Beobachtungen bedeuten und welche schneewissenschaftlichen Themen sich aus den aktuellen Profilen ergeben. Heute: Wie die Ausrichtung eines Hangs – also seine Exposition – die Entwicklung der Schneedecke beeinflusst und warum gerade Nordhänge häufig besonders guten Schnee, aber gleichzeitig auch die gefährlichsten Bedingungen bieten.

Die aktuelle Schneesituation:

Am Wochenende vom 11.01.2026 gab es in den Alpen endlich wieder Schnee. Zwar liegen die Schneehöhen in den Zentralalpen weiterhin deutlich unter dem Durchschnitt, in den Westalpen hat sich inzwischen jedoch verbreitet schon eine deutlich mächtigere Schneedecke aufgebaut (Abb. 1). Der Neuschnee vom Wochenende hat aber auch zu einer heiklen Lawinensituation geführt. Mit teilweise bis zu 80 cm Neuschnee, wurde für Sonntag, den 11.01.2026, über fast die gesamten französischen Alpen und entlang des Alpenhauptkamms bis ins Tirol eine Lawinenwarnstufe 4 ausgegeben.

Unsere Profile:


Direkt vor dem letzten Niederschlag, am 7. Januar 2026, waren wir auf Feldarbeit am Madrisahorn oberhalb von Klosters in Graubünden. Auf einer Höhe zwischen 2.500 und 2.700 m haben wir drei Schneeprofile in unterschiedlichen Expositionen gegraben, um zu untersuchen, wie die Schneedecke je nach Hangrichtung aufgebaut ist und auf welcher Unterlage der Neuschnee aufliegen wird. Die Profilstandorte sind auf der Karte in Abbildung 2 zu sehen.

Anhand dieser Profile lässt sich sehr gut nachvollziehen, wie die Schneedeckenentwicklung je nach Exposition unterschiedlich abläuft und welche Prozesse dazu führen, dass die Schneedecke an nordseitigen Hängen häufiger instabil ist, als an anderen Hängen.

Zunächst eine kleine Einordnung: Die hier besprochenen Unterschiede sind generelle Wahrscheinlichkeiten und Tendenzen, keine absoluten Aussagen. Je nach lokalen Gegebenheiten und dem Wetter am spezifischen Ort, können auch andere Effekte, entgegen der allgemeinen Tendenz, dominieren. Außerdem gilt: alle sonnenabhängigen Phänomene beziehen sich auf die Nordhalbkugel. Auf der Südhalbkugel treten diese Erscheinungen genau umgekehrt auf. Der Sonnenstand beeinflusst zudem, wie stark die Unterschiede zwischen Nord- und Südhängen ausfallen. In polaren Regionen oder im Hochwinter sind die Unterschiede also anders ausgeprägt als in Äquatornähe oder im Spätwinter.

Besonders windgetriebene Prozesse wie Schneeverfrachtung, die die Schneehöhe stark beeinflussen, hängen extrem von der lokalen Topografie ab. Dazu zählen die Hauptrichtung des Tals oder Passes, kleinräumige Veränderungen der Hangneigung oder Vegetation sowie viele andere Geländeeigenschaften. Allgemeine Aussagen können solche Feinheiten nie vollständig abbilden; eine lokale Beurteilung liefert hier immer genauere Informationen.

Die drei von uns gegrabenen Schneeprofile liegen auf ähnlicher Höhe und sind räumlich relativ nah beieinander (etwa 1 km Abstand), um räumliche Einflüsse möglichst zu minimieren. Dennoch bleibt ein Schneeprofil stets eine sehr lokale Momentaufnahme. Während sich manche Beobachtungen auf die weitere Umgebung übertragen lassen, können andere Eigenschaften der Schneedecke bereits wenige Meter weiter, teils schon nach 20 Metern, durch kleinräumige topografische Unterschiede deutlich anders aussehen. Aus diesem Grund treffen auch nicht alle allgemein erwartbaren Tendenzen in jedem Detail auf unsere Profile zu. Genau diese Abweichungen sind jedoch oft besonders lehrreich, da sie zeigen, wie komplex und vielschichtig die Schneedeckenentwicklung tatsächlich ist. Falls ihr zunächst eine kurze Einführung in Schneeprofile und deren Interpretation braucht, empfehlen wir euch diesen Artikel als Einstieg.

Schmelzkrusten

Der erste auffällige Unterschied zwischen den drei Profilen sind die unterschiedlichen Härten der einzelnen Schichten. Die Härte einer Schicht wird im Schneeprofil durch die nach links gerichteten grauen Balken dargestellt.

Im Südwestprofil nehmen harte Schmelzkrusten einen großen Anteil der gesamten Schneehöhe ein und erreichen stellenweise Messerhärte. Im Ostprofil sind hingegen deutlich weniger Schmelzkrusten vorhanden, zudem sind diese insgesamt weniger hart. Im Nordostprofil verstärkt sich diese Tendenz weiter: Hier bleibt nur noch eine einzelne Schmelzkruste erhalten. Diese Unterschiede lassen sich sehr gut durch die Sonneneinstrahlung erklären. Schmelzkrusten entstehen an der Oberfläche der Schneedecke bei vergleichsweise hohen Temperaturen oder durch direkte Sonneneinstrahlung, wenn die Schneekristalle in den obersten Schichten zu schmelzen beginnen.

Das dabei entstehende flüssige Wasser fließt nicht sofort durch die Schneedecke nach unten ab, sondern wird zunächst von den umliegenden Schichten wie von einem Schwamm aufgenommen und verteilt sich in deren Hohlräumen. Kühlt die Schneedecke über Nacht oder während einer kälteren Periode wieder ab, gefriert dieses Wasser in den zuvor gefüllten Hohlräumen.Dadurch entstehen dichtere, härtere Schichten mit sehr starken Verbindungen zwischen den einzelnen Kristallen. Da Südhänge die meiste direkte Sonneneinstrahlung erhalten und dort zudem höhere Lufttemperaturen herrschen als in anderen Expositionen, während Nordhänge am wenigsten Sonnenlicht abbekommen, ist es nicht überraschend, dass wir diese klare Abstufung in der Ausbildung der Schmelzkrusten beobachten können.

Schmelzkrusten, insbesondere dicke und gut ausgeprägte, wirken sich in der Regel stabilisierend auf die Schneedecke aus. Durch die starken horizontalen Verbindungen zwischen den Schneekristallen wird eine zusätzliche Belastung, etwa durch Neuschnee oder Wintersportler:innen, über eine größere Fläche verteilt. Der Druck wirkt dadurch weniger stark in die Tiefe, und das Risiko, eine darunterliegende Schwachschicht auszulösen, nimmt ab.

Schwachschichten

Einen ähnlichen Unterschied in den Schichthärten beobachten wir auch bei den übrigen Schichten, die nicht aus Schmelzkrusten bestehen. Während diese im Südwestprofil überwiegend eine Härte von einem Finger aufweisen, liegen die Härten im Ostprofil meist zwischen vier und einem Finger. Im Nordnordostprofil hingegen sind große Teile der Schneedecke selbst in tieferen Schichten nur etwa fausthart. Diese Unterschiede lassen sich durch die Transformationsprozesse innerhalb der Schneedecke erklären. Wie bereits im letzten Schneegestöber-Artikel beschrieben, sind Temperaturunterschiede die treibende Kraft für die Bildung kantiger Kristalle und damit für die Entstehung von Schwachschichten. Genau diese Temperaturunterschiede sind auf Nordhängen deutlich größer als auf Südhängen.

In unseren Profilen zeigt sich das sehr deutlich: Die obersten Schichten im Nordhang sind bis zu –26 °C kalt, während im Südwesthang lediglich –16 °C als niedrigste Temperatur gemessen wurde – was, trust us, immer noch ziemlich kalt für einen Fieldwork-Tag ist. Durch die größeren Temperaturgradienten auf nordseitigen Hängen bewegt sich die Luftfeuchtigkeit dort effizienter innerhalb der Schneedecke. Dadurch können kantige Kristalle schneller wachsen und größere Formen annehmen. Das spiegelt sich sowohl in den Korngrößen als auch in den Kristallformen wider. Im Nordhangprofil sind die Kristalle in nahezu jeder Tiefe größer, und die aufbauende Umwandlung, von kleinen, runden Kristallen über kantige Formen bis hin zu Becherkristallen, ist weiter fortgeschritten als in den anderen Expositionen.

Entsprechend sind diese Schichten auch weniger hart, denn große kantige Kristalle oder Becherkristalle sind nur locker miteinander verbunden. Für die Stabilität der Schneedecke ist das kritisch: Je lockerer der Schnee in einer Schicht ist, desto schwächer ist sie. Das erhöht die Gefahr von Schneebrettlawinen, da zusätzliche Belastungen wie Neuschnee oder Wintersportler:innen diese Schwachschichten zu einem späteren Zeitpunkt auslösen können.

Nassschnee

Im Frühjahr beziehungsweise Spätwinter verschiebt sich die Situation deutlich: Dann werden Temperatur und Durchfeuchtung der Schneedecke selbst zum kritischen Faktor. Beginnt der Schnee zu schmelzen, lösen sich auch die Brücken zwischen den einzelnen Schneekristallen, die der Schneedecke ihren Zusammenhalt geben. Mit zunehmender Durchfeuchtung verliert die Schneedecke dadurch an Stabilität. Aus diesem Grund sind im Frühjahr, wenn sich die Schneedeckentemperaturen langsam dem Nullgradbereich annähern, zunächst vor allem Südhänge betroffen. Dort schreitet die Durchfeuchtung aufgrund der stärkeren Sonneneinstrahlung am schnellsten voran und kann frühzeitig zur Auslösung von Lawinen führen. An Tagen mit intensiver Sonneneinstrahlung sind diese Unterschiede besonders ausgeprägt, da sich Südhänge durch das direkte Sonnenlicht stark aufheizen.

Auch Nordhänge sollten in dieser Phase jedoch nicht unterschätzt werden. Zwar durchfeuchtet die Schneedecke dort meist erst zeitverzögert nach den ersten Nassschneezyklen auf Südhängen, bei allgemein warmen Temperaturen ist jedoch schließlich auf allen Expositionen Vorsicht geboten. Nassschneelawinen und tageszeitliche Erwärmung sind jedoch vergleichsweise gut plan- und vermeidbar. Im Frühjahr gilt daher die klassische Regel: Früh losgehen – früh zurück sein. Denn über Nacht gefriert ein Teil der Feuchtigkeit in der Schneedecke erneut, wodurch sich der Schnee vorübergehend stabilisiert. Erst mit zunehmender Sonneneinstrahlung und Erwärmung im Tagesverlauf steigt die Gefahr von Nassschneelawinen wieder an.

Diese Tendenzen unterschiedlicher Lawinenrisiken in Abhängigkeit von der Exposition lassen sich auch in Daten klar erkennen. J. Schweizer und M. Lütschg zeigen in ihrem Paper “Characteristics of human-triggered avalanches”, dass unter den Lawinen mit tödlichem Ausgang nördliche Expositionen am häufigsten betroffen sind:

“Considering only the avalanches that caused fatalities, the northern aspect is the most frequent one (23%), followed by northeast (18%) and northwest (17%).”

Auch in der entsprechenden Abbildung 4 zu Lawinenunfällen in der Schweiz, wird dieser Zusammenhang deutlich: Es zeigt sich ein klarer Überhang an Unfällen in nördlichen Expositionen, insbesondere im Vergleich zu Südhängen. Zusammengenommen entfallen auf die drei Nordsektoren rund 58 % der tödlichen Lawinenunfälle in der Schweiz. Diese Tendenz bestätigt sich zudem in Datensätzen aus anderen Ländern und sogar auf anderen Kontinenten (Reuter et al. 2023).

Nicht ohne Grund gilt daher die Vermeidung der drei Nordsektoren als ein zentraler Reduktionsfaktor im Lawinenrisikomanagement. Dies spiegelt sich beispielsweise in der Quantitativen Reduktionsmethode (QRM) wider, in der Exposition explizit als Risikofaktor berücksichtigt wird (zur QRM siehe z. B.: Powderguide oder Skitourenguru).

In Abbildung 4 ist außerdem erkennbar, dass Lawinenunfälle etwas häufiger auf Osthängen als auf Westhängen auftreten. Ein möglicher Grund dafür ist die Lage der Schweiz, wie auch der gesamten Alpen, in einer Westwindzone. Zwar variiert die Windrichtung je nach Wetterlage stark, im langjährigen Mittel weht der Wind jedoch häufiger aus westlichen Richtungen. Dadurch werden Westhänge, die meist im Luv liegen, eher abgeblasen, während sich an Osthängen im Lee häufiger Triebschneeansammlungen bilden.

Dieser Effekt ist allerdings deutlich schwächer ausgeprägt als der grundlegende Unterschied zwischen Nord- und Südhängen und kann je nach Tal, Exposition und lokal dominierender Windrichtung stark variieren.

Take-Home Messages

  • Schneeprofile sind immer lokale Momentaufnahmen. Der Schneedeckenaufbau variiert oft stärker durch kleinräumige Gegebenheiten als es allgemeine Regeln und Tendenzen vermuten lassen.

  • Die Sonne ist der wichtigste Treiber für Unterschiede im Schneedeckenaufbau zwischen den verschiedenen Expositionen.

  • Im nördlichen Sektor ist der Schnee aufgrund tieferer Temperaturen und geringerer direkter Sonneneinstrahlung tendenziell weicher und instabiler aufgebaut. Das spiegelt sich auch in den Unfallstatistiken wider.

  • Im Spätwinter, wenn Nassschneelawinen die dominante Lawinenform werden, sind vor allem die Durchfeuchtung der Schneedecke und nasse Lockerschneelawinen zunächst auf Südhängen zu beachten.

  • Auch die dominante Windrichtung spielt eine Rolle: In Lee-Hängen, in denen sich häufiger Triebschnee ansammelt, treten tendenziell mehr Lawinenunfälle auf.

Schreibt uns gerne in die Kommentare unter dem Artikel, wenn euch ein Thema aus dem Bereich Schnee besonders am Herzen liegt, über das ihr gerne mehr erfahren würdet. Ihr könnt uns auch gerne Fragen stellen, wenn etwas unklar geblieben ist.

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